Freie Hand bei freien Tagen

CHEFSACHE:

HBM Februar 2018

Als ich 1979 frisch vom Col­le­ge kam, ent­schied ich mich für Kro­nos, einen Ent­wick­ler von Soft­wa­re und Dienst­leis­tun­gen für das Ar­beits­platz­ma­na­ge­ment. Ich war ei­ner der ers­ten Mit­ar­bei­ter und be­kam da­mals zwei Wo­chen be­zahl­ten Ur­laub. Mit je­dem wei­te­ren Jahr Be­trie­bs­zu­ge­hö­rig­keit ver­dien­ten Mit­ar­bei­ter sich einen Tag hin­zu, bis eine be­stimm­te An­zahl er­reicht war. Die­se Ur­laubs­re­ge­lung war in den meis­ten Un­ter­neh­men üb­lich und ist es heu­te noch, auch wenn die An­zahl der Ur­laubs­ta­ge va­ri­iert.
1984 wur­de ich zum Ver­kaufs­lei­ter In­land be­för­dert, vier Jah­re spä­ter stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Ab­tei­lung in­ter­na­tio­na­ler Ver­trieb und Ser­vice und kam da­mit in eine Füh­rungs­po­si­ti­on. Bei Kro­nos galt seit Lan­gem die Ver­ein­ba­rung, dass Top­füh­rungs­kräf­te ihre Ur­laubs­ta­ge nicht ein­zu­tra­gen brauch­ten und nach ei­ge­nem Er­mes­sen freie Tage neh­men konn­ten. Die­se Re­ge­lung war sinn­voll, weil man schon da­mals von Mit­ar­bei­tern in ge­ho­be­ner Po­si­ti­on einen 24/7-Ein­satz er­war­te­te. Wenn je­mand re­gel­mä­ßig nachts, an den Wo­chen­en­den und wäh­rend des Fa­mi­li­en­ur­laubs ar­bei­tet, ver­liert es an Be­deu­tung, Ar­beits­stun­den zu er­fas­sen oder of­fi­zi­el­le Ur­laubs­ta­ge ein­zu­tra­gen. Seit­her habe ich bei Kro­nos im­mer in Füh­rungs­po­si­tio­nen ge­ar­bei­tet; seit zwölf Jah­ren bin ich CEO. Bei­na­he 30 Jah­re lang brauch­te ich also mei­nen Ur­laub nicht ein­zu­tra­gen.
Die Ar­beit bei Kro­nos hat sich, auch be­dingt durch den tech­ni­schen Fort­schritt, in­zwi­schen stark ver­än­dert. Mit­ar­bei­ter al­ler Un­ter­neh­men­sebe­nen füh­ren re­gel­mä­ßig auch nach Dienst­schluss Te­le­fon­ge­sprä­che oder be­ant­wor­ten E-Mails. Dies kann ich aus nächs­ter Nähe bei mei­ner Toch­ter be­ob­ach­ten, die ge­ra­de am An­fang ih­rer Kar­rie­re steht. Bei ih­ren bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­bern be­kam sie nur zwei Wo­chen Ur­laub, was ihre Mög­lich­kei­ten, mit mei­ner Frau und mir zu ver­rei­sen, stark ein­schränk­te. Wenn sie zu Thanks­gi­ving nach Hau­se kommt, ar­bei­tet sie am lan­gen Wo­chen­en­de oft meh­re­re Stun­den täg­lich. In ei­ner Zeit, in der vie­le Mit­ar­bei­ter rund um die Uhr on­li­ne sind, er­schei­nen mir of­fi­zi­el­le Re­ge­lun­gen, die zwi­schen Ar­beit und Ur­laub un­ter­schei­den wol­len, über­holt, wenn nicht gar ab­surd.

Wa­rum will nie­mand zu uns?
Mit die­ser Be­ob­ach­tung ging ich Ende 2014 in ein Ge­spräch, um das un­ser Per­so­nal­lei­ter mich ge­be­ten hat­te. Schon lan­ge spür­ten wir, wie schwie­rig es ge­wor­den war, gute Leu­te zu fin­den. Kro­nos be­schäf­tigt welt­weit 5000 Mit­ar­bei­ter, von de­nen fast 1500 in der Zen­tra­le in Massa­chu­setts ar­bei­ten. Die Aus­wahl an gut aus­ge­bil­de­ten Hoch­schul­ab­sol­ven­ten ist dort nicht groß. Wir hat­ten zu die­ser Zeit mehr als 300 of­fe­ne Stel­len und Mühe, sie zu be­set­zen. Auf Dau­er ge­fähr­de­te das un­se­re Ex­pan­si­ons­plä­ne. Als wir dar­über spra­chen, wa­rum es so schwie­rig war, gute Leu­te ein­zu­stel­len, kam auch un­se­re Ur­laubs­re­ge­lung zur Spra­che. Zu die­sem Zeit­punkt bo­ten wir neu­en Mit­ar­bei­tern drei Wo­chen be­zahl­ten Ur­laub an, das ent­sprach in etwa dem, was auch an­de­re Un­ter­neh­men im Um­kreis bo­ten, mit de­nen wir um Ta­len­te kon­kur­rier­ten. Doch wenn un­se­re Re­crui­ter ver­such­ten, 30- bis 50-Jäh­ri­ge mit er­heb­li­cher Be­rufs­er­fah­rung an­zu­wer­ben, er­fuh­ren sie oft, dass die­se Leu­te vier oder fünf Wo­chen Ur­laubs­an­spruch hat­ten. Ur­laub ist ein wich­ti­ges Kri­te­ri­um, des­halb ist es schwie­rig, je­man­den dazu zu brin­gen, einen Job mit we­ni­ger frei­en Ta­gen an­zu­neh­men.

Aron Ain ist CEO des Soft­ware­her­stel­lers Kro­nos mit Haupt­sitz in Lo­well, Massa­chu­setts.
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