„Man muss nicht gleich die Welt retten“

HBM Januar 2018

Frau Pro­fes­so­rin Schnell, brau­chen Ma­na­ger einen Sinn in der Ar­beit?
SCHNELL Ja, ge­nau wie alle an­de­ren auch. Heut­zu­ta­ge ist der Job nicht mehr nur da, um Geld zu ver­die­nen. Wir de­fi­nie­ren uns größ­ten­teils über ihn. Wir er­war­ten von ihm, dass wir uns aus­drücken und wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen – vor al­lem in Be­rei­chen, in de­nen wir Ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten ha­ben. Wir ver­brin­gen einen großen Teil un­se­res Le­bens auf der Ar­beit. Wenn sie sinn­los ist, dann wird es zur Qual, die Zeit ab­zu­sit­zen.

Muss im­mer al­les sinn­voll sein? Reicht es nicht, dass je­mand nur Geld ver­die­nen will, um sei­ne Fa­mi­lie zu er­näh­ren?
SCHNELL Si­cher, aber mei­ne Mo­ti­va­ti­on, mich im Be­ruf zu en­ga­gie­ren, hängt da­von ab, ob ich das, was ich tue, als sinn­voll an­se­he. Sonst fehlt mir der An­trieb, In­ter­es­se, Ver­ant­wor­tung und Lei­den­schaft hin­ein­zu­ste­cken – all das, was wir als En­ga­ge­ment ver­ste­hen. Wir ma­chen nur noch Dienst nach Vor­schrift. Al­ler­dings sieht der Sinn für je­den Men­schen an­ders aus. Für man­che mö­gen es Kar­rie­re und ho­her Ver­dienst sein. Aber die For­schung zeigt, dass ex­trin­si­sche Grün­de wie Geld und Sta­tus nur kurz­fris­tig mo­ti­vie­ren. Selbst de­nen, die viel er­rei­chen, fehlt ir­gend­wann eine hö­he­re Ebe­ne, die über das Ex­trin­si­sche hin­aus­geht.

Was heißt das über­haupt, Sinn bei der Ar­beit?
SCHNELL Man muss un­ter­schei­den: Es gibt sinn­vol­le Be­ru­fe, die un­ter den rich­ti­gen Be­din­gun­gen je­der ha­ben kann, und Le­bens­sinn im Be­ruf, wenn die Ar­beit selbst zur Sinn­quel­le wird. Eine Ar­beit, die nicht sinn­voll ist, wird zur Tor­tur, und es kommt zur Sinn­kri­se. Dann ist die Ar­beit we­der sinn­voll noch gibt sie Sinn. Am Ende steht der Burn-out. Das ist eine Ge­fahr für Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer. Aber: Wenn der Job sinn­voll ist, muss man nicht gleich Sinn in ihm fin­den. Eine Rei­ni­gungs­kraft etwa kann ihre Tä­tig­keit als sehr sinn­voll emp­fin­den. Sie sagt sich: Mein Ar­beit­ge­ber er­kennt mich an, wir sind ein gu­tes Team, ich habe Frei­raum, es herrscht Trans­pa­renz und Of­fen­heit, ich wer­de nicht so ein­fach er­setzt. Trotz­dem wird ihr Put­zen kei­nen Le­bens­sinn ver­mit­teln. Sie wird die­sen in an­de­ren Le­bens­be­rei­chen fin­den – in der Fa­mi­lie oder in der Kul­tur bei­spiels­wei­se. An­de­re Jobs wie­der­um er­mög­li­chen Sinn­stif­tung, etwa Ma­na­ger in ei­ner ge­mein­nüt­zi­gen Or­ga­ni­sa­ti­on, Leh­rer oder Pfle­ge­kräf­te im Al­ten­heim. Die­se Per­so­nen er­le­ben die Be­deut­sam­keit ih­rer Ar­beit recht un­mit­tel­bar.

Was muss ge­ge­ben sein, da­mit Ar­beit sinn­voll ist?
SCHNELL Es gibt vier Kri­te­ri­en. Das ers­te ist Ko­hä­renz. Das, was ich tue, muss mit mei­nen an­de­ren Le­bens­be­rei­chen und Fä­hig­kei­ten zu­sam­men­pas­sen. Wenn es Wi­der­sprü­che gibt, er­fah­re ich die Ar­beit als stö­rend. Zwei­tens die Be­deut­sam­keit: Ich muss glau­ben, dass mei­ne Ar­beit nicht egal ist, dass mich an­de­re wich­tig neh­men. Viel­leicht bin ich auf das Un­ter­neh­men stolz, ich fin­de sei­ne Pro­duk­te toll oder ich mer­ke, dass ich mit mei­ner Ar­beit Gu­tes tue. Das drit­te Kri­te­ri­um ist die Ori­en­tie­rung: Ste­he ich hin­ter der Aus­rich­tung mei­nes Ar­beit­ge­bers – stimmt sie mit mei­nen Wer­ten über­ein? Ein Bei­spiel: Eine Ver­käu­fe­rin weiß, dass ihr Un­ter­neh­men bil­li­ge Pro­duk­te aus Asi­en ver­kauft, die un­ter sehr schlech­ten Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen her­ge­stellt wur­den. Sie wird ihre Ar­beit wahr­schein­lich nicht als sinn­voll emp­fin­den; eben­so we­nig ein Ve­ge­ta­ri­er in ei­ner Flei­sche­rei. Das vier­te Kri­te­ri­um ist Zu­ge­hö­rig­keit: Ge­hö­re ich ei­nem grö­ße­ren Gan­zen an? Kann ich mich mit der Grup­pe oder dem Un­ter­neh­men iden­ti­fi­zie­ren?

Mit Tat­ja­na Schnell sprach HBM-Re­dak­teur Ing­mar Höh­mann.
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