Die nächste Werkbank der Welt

HBM Dezember 2017

SIn ei­nem fla­chen Bü­ro­bau sei­nes rie­si­gen Ke­ra­mik­werks im Süd­wes­ten Ni­ge­ri­as be­stand Sun Jian dar­auf, mir Tee an­bie­ten zu dür­fen. Erst we­ni­ge Tage zu­vor war er aus Chi­na zu­rück­ge­kehrt und hat­te von sei­ner Rei­se eine Rei­he er­le­se­ner Tees mit­ge­bracht, die er nun – ganz im Sin­ne jahr­hun­der­te­al­ter chi­ne­si­scher Re­geln gu­ter Gast­freund­schaft – mit mir tei­len woll­te.
un stammt aus Wenz­hou, ei­ner mit­tel­großen Stadt im Süd­os­ten Chinas. Dort war vor fast 4000 Jah­ren das Se­la­don er­fun­den wor­den, ein nach sei­ner blass­grün­lich glän­zen­den Gla­sur be­nann­tes Stein­zeug, das Wenz­hou zur Ge­burts­stät­te chi­ne­si­scher Ke­ra­mik mach­te. In den 70er Jah­ren wa­ren die Zei­ten je­doch schwie­rig. Nach der Grund­schu­le brach Sun die Schul­aus­bil­dung ab und be­gann zu ar­bei­ten. 1978, zwei Jah­re nach dem Tod Mao Tse-tungs, war Wenz­hou die ers­te Stadt, in der Pri­vat­un­ter­neh­men ge­grün­det wur­den. Sun ar­bei­te­te sich im le­der­ver­ar­bei­ten­den Ge­wer­be nach oben und hat­te schließ­lich ge­nug Geld ge­spart, um eine ei­ge­ne Le­der­ma­nu­fak­tur zu grün­den. Ende der 2000er Jah­re stie­gen die Kos­ten je­doch ra­sant an, und Sun wur­de be­wusst, dass er für wei­te­ren ge­schäft­li­chen Er­folg Chi­na wür­de ver­las­sen müs­sen. Ein Freund riet ihm, es in Ni­ge­ria zu ver­su­chen.
Er nahm sich fünf Tage Zeit, das Land zu er­kun­den. „So­fort wur­de ich von all den Ar­men um Geld an­ge­bet­telt“, be­rich­tet er. „Aber dann sah ich, dass es dort auch vie­le Rei­che gibt; und ob­wohl es schwer sein wür­de, im dor­ti­gen Markt zu be­ste­hen, war es doch für je­den an­de­ren eben­so schwie­rig wie für mich.“ Zu­rück in Chi­na, rief er einen Be­kann­ten beim Zoll an und frag­te ihn, was das schwers­te und am teu­ers­ten zu ver­sen­den­de Pro­dukt sei, das in großen Men­gen nach Ni­ge­ria ex­por­tiert wür­de. Die Ant­wort? Ke­ra­mik.
Und so nahm Sun nach die­sem ers­ten Be­such 40 Mil­lio­nen US-Dol­lar in die Hand und er­rich­te­te in Ni­ge­ria ein Ke­ra­mik­f­lie­sen­werk. Das Werk pro­du­ziert heu­te rund um die Uhr und be­schäf­tigt na­he­zu 1100 Mit­ar­bei­ter, da­von rund 1000 ein­hei­mi­sche. Die Ver­sor­gung mit Strom ist un­zu­ver­läs­sig und teu­er, aber die Ge­schäf­te lau­fen gut. Dank des feh­len­den Wett­be­wer­bs und der wach­sen­den Nach­fra­ge er­wirt­schaf­tet Sun in Ni­ge­ria eine Ge­winn­mar­ge von 7 Pro­zent, ver­g­li­chen mit ei­ner Span­ne von 5 Pro­zent, die er in Chi­na er­zielt hat­te. Im ver­ar­bei­ten­den Ge­wer­be sind die Mar­gen oft hauch­dünn und ein Auf­schlag von 2 Pro­zent­punk­ten ist be­trächt­lich.
Suns Ge­schich­te ist nicht un­ge­wöhn­lich. Nach An­ga­ben des chi­ne­si­schen Han­dels­mi­nis­te­ri­ums tä­ti­gen Pri­vat­un­ter­neh­men aus Chi­na je­des Jahr mehr als 150 Di­rek­tin­ves­ti­tio­nen in Afri­kas Fer­ti­gungs­sek­tor, ge­gen­über nur zwei im Jahr 2000. Die tat­säch­li­che Zahl ist wahr­schein­lich zwei- bis drei­mal so hoch: Wis­sen­schaft­ler, die das The­ma vor Ort er­for­schen, sto­ßen re­gel­mä­ßig auf chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men, die von den of­fi­zi­el­len Da­ten nicht er­fasst sind.
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