Die veruntreute Elite

ESSAY:

HBM Dezember 2017

Viele mei­ner Ab­sol­ven­tin­nen und Ab­sol­ven­ten, die in den ver­gan­ge­nen an­dert­halb Jahr­zehn­ten in den Be­ruf ein­ge­stie­gen sind, bli­cken heu­te ir­ri­tiert auf ihre bis­he­ri­ge Kar­rie­re zu­rück. Nicht weil sie ge­schei­tert wä­ren oder ihre Zie­le nicht er­reicht hät­ten. Son­dern weil das, was sie er­rei­chen woll­ten und er­reicht ha­ben – eine Po­si­ti­on in der wirt­schaft­li­chen Eli­te – in­zwi­schen hef­ti­ge Kri­tik her­vor­ruft.
Der Bruch zeig­te sich in etwa par­al­lel zur Sub­pri­me- und fol­gen­den Fi­nanz­kri­se 2008 und 2009. Da wur­de es plötz­lich mo­disch, das Ver­hal­ten von Fi­nanz­jong­leu­ren und ih­ren Hilf­s­trup­pen als grob fahr­läs­si­ge Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit glo­bal or­ga­ni­sier­ter Ego­ma­nen zu brand­mar­ken. Was an sich und in ei­ni­gen Fäl­len nach­weis­bar zu­tref­fend war. Doch für die Po­pu­la­ri­sie­rung die­ser Kri­tik be­durf­te es ei­ner Ver­all­ge­mei­ne­rung, ei­ner – wie man sa­gen könn­te – „sym­bo­li­schen Mi­lieu­be­zo­gen­heit“, die eine all­ge­mein ver­ständ­li­che Er­klä­rung lie­fer­te.
Eli­te, vor al­lem in ih­rer ver­schwö­re­ri­schen Plu­ra­li­sie­rung als „die Eli­ten“, eig­ne­te sich dazu of­fen­sicht­lich her­vor­ra­gend. Der Be­griff nimmt ja ein ur­al­tes Mo­tiv der gie­ri­gen Rei­chen auf, das sich von der Bi­bel über die mär­chen­haf­ten In­sze­nie­run­gen „kal­ter Her­zen“ bis zu ih­ren kri­mi­nel­len Ma­chen­schaf­ten in ge­fühlt Zehn­tau­sen­den Fern­seh­kri­mis ge­hal­ten hat.

Eli­te-Ba­shing in den Me­di­en
Zu die­sem Zeit­punkt also, 2008, hat­te das The­ma zum ers­ten Mal Kon­junk­tur in den Me­di­en. Es kul­mi­nier­te in der Kri­tik der Jour­na­lis­tin Ju­lia Fried­richs, die in ei­ner Samm­lung von In­ter­views mit Re­prä­sen­tan­ten der vor­geb­li­chen Eli­te die Trost­lo­sig­keit der künf­ti­gen Exe­ku­ti­ve die­ses Lan­des aus­brei­te­te: „Ge­stat­ten: Eli­te“. Fried­richs hat­te zu­vor ein An­ge­bot der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung McKin­sey ab­ge­lehnt, was sie pu­bli­kums­wirk­sam kund­tat. So wur­de sie be­kannt als „die jun­ge Frau, die ein An­ge­bot von McKin­sey ab­lehn­te“.
In der Ver­lags­an­kün­di­gung er­fährt die Le­ser­schaft, dass die Au­to­rin ein Jahr lang „an Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten, Eli­te-Aka­de­mi­en, Eli­te-In­ter­na­ten“ re­cher­chiert habe. „Sie taucht ein in eine Welt, in der Men­schen, die we­ni­ger als sie­b­zig Stun­den pro Wo­che ar­bei­ten, 'Min­der­leis­ter' hei­ßen, in der zwan­zig­jäh­ri­ge Eli­te­an­wär­ter Talks­how-Auf­trit­te trai­nie­ren und Tee­na­ger Kar­rie­re­be­ra­tun­gen bu­chen.“ In ei­nem Be­richt über eine – ne­ben­bei ver­merkt: ex­zel­len­te – Frau­en­stu­die der „Bri­git­te“ wur­de da­mals ihr Ur­teil zi­tiert: Im Welt­bild der Eli­te gebe es nur Ge­win­ner und Ver­lie­rer. Es sei „eher te­stos­te­ron­ge­trie­ben. Ge­nau wie der Eli­te­be­griff an sich, der sich rein über Sta­tus, Macht und Geld de­fi­niert.“ Nie­mand frag­te nach der Re­prä­sen­ta­ti­vi­tät die­ser Stu­di­en. Aber wer liest so was schon ge­nau, wenn man oh­ne­hin zu wis­sen meint, was drin­steht, weil es alle sa­gen?
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