Anders, aber besser

HBM Oktober 2017

Darf ich Ih­nen John vor­stel­len? John ist ein Ge­nie in Sa­chen Da­ten­ana­ly­se. Er ver­bin­det auf au­ßer­ge­wöhn­li­che Wei­se ma­the­ma­ti­sche Be­ga­bung mit Soft­wa­re­ent­wick­lungs­kom­pe­tenz. Und er hat gleich zwei Mas­ter­ab­schlüs­se ge­macht, bei­de mit Aus­zeich­nung. Für einen sol­chen Mit­ar­bei­ter soll­te sich ei­gent­lich je­des Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men be­geis­tern, oder? Of­fen­bar nicht. Be­vor er vor ei­ni­ger Zeit auf ein Un­ter­neh­men stieß, das mit neu­en For­men des Ta­lent­ma­na­ge­ments ex­pe­ri­men­tier­te, war John mehr als zwei Jah­re lang ar­beits­los ge­we­sen. Er sprach in die­ser Zeit mit an­de­ren Un­ter­neh­men, die ver­zwei­felt nach Leu­ten mit sei­nen Ta­len­ten such­ten. Und trotz­dem hat­te er es nie durch das Be­wer­bungs­ver­fah­ren ge­schafft.
Wenn Sie John eine Wei­le be­ob­ach­ten wür­den, wüss­ten Sie, wa­rum. Er wirkt ir­gend­wie an­ders. Er trägt stän­dig Kopf­hö­rer. Und wenn er an­ge­spro­chen wird, ver­mei­det er di­rek­ten Blick­kon­takt. Alle zehn Mi­nu­ten bückt er sich, um sei­ne Schnür­sen­kel fest­zu­zie­hen: Er kann sich nicht kon­zen­trie­ren, wenn sie lo­cker sind. Sind sie aber schön fest, wird John zum pro­duk­tivs­ten Mit­ar­bei­ter sei­ner Ab­tei­lung. Er ist un­ge­heu­er flei­ßig, am lie­bs­ten wür­de er über­haupt kei­ne Pau­sen ma­chen. Nur weil ein ihm ex­tra zu­ge­wie­se­ner „Kol­le­ge“ ihn dazu über­re­den konn­te, macht er sie jetzt. Doch ge­nie­ßen kann er sie nicht.
Un­se­re Kunst­fi­gur „John“ ver­eint Ei­gen­schaf­ten von Men­schen, de­ren Pri­vat­sphä­re wir schüt­zen möch­ten – Men­schen mit ei­ner so­ge­nann­ten Au­tis­mus-Spek­trum-Stö­rung. Er steht für die Teil­neh­mer an in­no­va­ti­ven Be­schäf­ti­gungs­pro­gram­men von Pio­nier­un­ter­neh­men, die be­gon­nen ha­ben, neu­ro­di­ver­se Ta­len­te aus­fin­dig zu ma­chen und zu re­kru­tie­ren.
Men­schen wie John gibt es vie­le. Ei­ner von 42 Jun­gen und ei­nes von 189 Mäd­chen lei­den heu­te in den USA un­ter Au­tis­mus, ha­ben Ge­sund­heits­in­sti­tu­tio­nen er­mit­telt. Und wenn es Ein­stel­lungs­pro­gram­me von Un­ter­neh­men gibt, die sich vor­wie­gend auf Au­tis­ten kon­zen­trie­ren, soll­te es mög­lich sein, sie auf Per­so­nen aus­zu­deh­nen, bei de­nen Dys­pra­xie (eine neu­ro­lo­gisch be­ding­te Be­we­gungs­stö­rung), Leg­asthe­nie, ADHS, so­zia­le Pho­bi­en und ähn­li­che neu­ro­lo­gi­sche Ab­wei­chun­gen dia­gno­s­ti­ziert wur­den. Vie­le Men­schen mit der­ar­ti­gen Dia­gno­sen ver­fü­gen über au­ßer­ge­wöhn­li­che Kom­pe­ten­zen. Wis­sen­schaft­li­che For­schungs­rei­hen ha­ben ge­zeigt, dass ei­ni­ge so­ge­nann­te Stö­run­gen, dar­un­ter Au­tis­mus und Leg­asthe­nie, mit be­son­de­ren Fä­hig­kei­ten in den Be­rei­chen Mus­te­rer­ken­nung, Ge­dächt­nis­leis­tung oder Ma­the­ma­tik ein­her­ge­hen kön­nen. Gleich­wohl ha­ben die Be­trof­fe­nen häu­fig Schwie­rig­kei­ten, in die Pro­fi­le po­ten­zi­el­ler Ar­beit­ge­ber zu pas­sen.
Neu­ro­di­ver­se Men­schen be­nö­ti­gen ein be­stimm­tes äu­ße­res Um­feld, wenn sie ihre Fä­hig­kei­ten op­ti­mal nut­zen oder über­haupt ar­beits­fä­hig sein wol­len. Dazu ge­hört zum Bei­spiel das Tra­gen von Kopf­hö­rern ge­gen akus­ti­sche Reiz­über­flu­tung. Manch­mal ha­ben sie auch merk­wür­dig an­mu­ten­de Spleens oder le­gen selt­sa­me Ver­hal­tens­wei­sen an den Tag. In vie­len Fäl­len sind die­se je­doch durch­aus hand­hab­bar – und der mög­li­che Ge­winn für Un­ter­neh­men ist enorm. Nur: Um in den Ge­nuss die­ser Vor­tei­le zu kom­men, müss­ten die meis­ten Un­ter­neh­men ihre Aus­wahl- und Ein­stel­lungs­kri­te­ri­en auf eine brei­te­re De­fi­ni­ti­on von „Ta­lent“ aus­rich­ten.
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