Im Zeitalter der Ungleichheit

HBM August 2017

An ei­nem son­ni­gen Win­ter­mor­gen in Oa­k­land im De­zem­ber 2013 stie­gen die Mit­ar­bei­ter von Goo­gle ge­ra­de in den Un­ter­neh­mens­bus, der sie zum Haupt­quar­tier in Moun­tain View brin­gen soll­te, als die De­mons­tran­ten an­rück­ten. Ei­ner ent­fal­te­te ein leuch­tend blau­es Trans­pa­rent mit der Auf­schrift „Fuck Off, Goo­gle“. Ei­ni­ge an­de­re ver­teil­ten Pam­phle­te, mit de­nen sie ih­rem Är­ger Aus­druck ver­lie­hen: „Wäh­rend ihr Ker­le euch an eu­ren Rund-um-die-Uhr-Buf­fets fett­fresst wie die Schwei­ne, müs­sen alle an­de­ren je­den Pen­ny zu­sam­men­krat­zen. Sonst kön­nen wir in der über­teu­er­ten Welt nicht mehr exis­tie­ren, die ihr und eure Kum­pel ge­schaf­fen habt.“ In den Nach­rich­ten wur­de von Stein­wür­fen und ei­ner zer­bro­che­nen Fens­ter­schei­be be­rich­tet.
Auf der an­de­ren Sei­te der Bucht von San Fran­cis­co er­leb­ten An­ge­stell­te von Ap­p­le wäh­rend des Ein­stiegs in ihre Shutt­le-Bus­se Ähn­li­ches. Es gab in die­sem Win­ter noch eine gan­ze Rei­he von Pro­tes­ten, meist nur mit ei­ner Hand­voll Ak­ti­vis­ten. Den­noch in­ten­si­vier­te Goo­gle die Si­cher­heits­maß­nah­men, und ei­ner der Mit­ar­bei­ter setz­te im von De­mons­tran­ten um­ring­ten Bus eine Twit­ter­mel­dung ab, er und sei­ne Kol­le­gen sei­en „im Be­la­ge­rungs­zu­stand“. Ei­ner der De­mons­tran­ten ent­geg­ne­te: „Wir sind hier, um den rei­chen Tech-Fir­men zu zei­gen, dass das, was sie tun, Aus­wir­kun­gen und Kon­se­quen­zen hat.“
An­ders als die „Oc­cu­py Wall Street“-Be­we­gung zwei Jah­re frü­her konn­ten die Goo­gle-Bus-Pro­tes­te kei­ne lan­des­wei­te Auf­merk­sam­keit er­re­gen. Sie wa­ren viel klei­ner und wur­den meist als lo­ka­les Phä­no­men ge­se­hen – als Re­ak­ti­on auf stei­gen­de Mie­ten und städ­ti­sche Gen­tri­fi­zie­rung in ei­ner be­stimm­ten Re­gi­on. Doch die Er­eig­nis­se wa­ren die Fol­ge ei­nes wirt­schaft­li­chen Trends, den die Oc­cu­py-Be­we­gung nicht er­kannt hat­te, der aber brei­te­re Auf­merk­sam­keit ver­dient. Die Bus-De­mons­tran­ten hat­ten et­was ver­stan­den, das auch durch neue­re For­schun­gen be­stä­tigt wird: Bei der viel dis­ku­tier­ten Ein­kom­men­sun­gleich­heit geht es nicht nur um das eine Pro­zent ge­gen die rest­li­chen 99, die Ge­halts­un­ter­schie­de zwi­schen CEO und durch­schnitt­li­chen Mit­ar­bei­tern oder den Fi­nanz­sek­tor ge­gen den Rest der Wirt­schaft. Es geht auch um mehr als die Dif­fe­renz zwi­schen gut aus­ge­bil­de­ten und un­ge­schul­ten Mit­ar­bei­tern, ob­wohl Wis­sen und Kennt­nis­se na­tür­lich einen großen Un­ter­schied ma­chen. Die wah­re Kraft hin­ter der wach­sen­den Un­gleich­heit ist die „Un­gleich­heit der Un­ter­neh­men“: In ei­nem wirt­schaft­li­chen „Win­ner take all“-Um­feld oder in ei­nem, in dem die er­folg­reichs­ten Un­ter­neh­men zu­min­dest den aller­größ­ten Teil der Ge­win­ne ab­schöp­fen, kon­zen­trie­ren sich die am bes­ten aus­ge­bil­de­ten Mit­ar­bei­ter auf die er­folg­reichs­ten Un­ter­neh­men. Ent­spre­chend stei­gern sie ihre Ein­kom­men dra­ma­tisch mehr als die Out­si­der. Ver­stärkt wird die­se Un­ter­neh­mens­se­gre­ga­ti­on durch das un­er­müd­li­che Out­sour­cen, die Au­to­ma­ti­sie­rung von Rand­ak­ti­vi­tä­ten und die wach­sen­den In­ves­ti­tio­nen in Tech­no­lo­gie. Es ist kein Zu­fall, dass aus­ge­rech­net Goo­gle zum Mit­tel­punkt der Kon­tro­ver­se wur­de: Sei­nen Mit­ar­bei­tern geht es sehr viel bes­ser als fast al­len an­de­ren.
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