Unsicherheit war gestern, heute herrscht Chaos

ESSAY:

HBM August 2017

Von Zeit zu Zeit er­scheint es an­ge­bracht, die ein­ge­üb­ten Be­grif­fe zu jus­tie­ren, um den ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen des Ma­na­ge­ments ge­recht zu wer­den – zum Bei­spiel der Tat­sa­che, dass im­mer mehr Din­ge im­mer we­ni­ger be­re­chen­bar wer­den. Bis­lang be­half man sich mit dem ele­gan­ten An­g­li­zis­mus Un­cer­tain­ty. Doch an­ge­sichts der sich ra­sant stei­gern­den Durch­drin­gung al­ler öko­no­mi­schen, ge­sell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Be­rei­che von Di­gi­ta­li­sie­rung er­scheint die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung aus zwei Grün­den zu schwach: Sie er­fasst nicht die fun­da­men­ta­le Kraft die­ser Ent­wick­lung, und sie rich­tet zu we­nig Au­gen­merk auf den denk­ba­ren Um­gang mit ih­rem gleich­zei­tig kon­struk­ti­ven wie zer­stö­re­ri­schen Po­ten­zi­al – mit an­de­ren Wor­ten, mit dem Pa­ra­dox, dass sie Wi­der­sprü­che er­zeugt, die ei­gent­lich un­mög­lich wä­ren, aber den­noch an der Ta­ges­ord­nung sind. Hier nur eine klei­ne Aus­wahl:
Shits­torms. Eine gut ge­mein­te, pro­fes­sio­nell ge­mach­te, al­len Prin­zi­pi­en der po­li­ti­schen, kul­tu­rel­len, ge­sell­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen Kor­rekt­heit fol­gen­de Image­kam­pa­gne im World Wide Web kann aus ei­nem ab­stru­sen Grund einen Shits­torm aus­lö­sen. Dass der sich durch die Rich­tig­stel­lung der mög­li­cher­wei­se falsch in­ter­pre­tier­ten Aus­lö­ser noch ver­stärkt und Fak­ten kei­ne Rol­le mehr spie­len, ja als Be­le­ge ge­gen sich selbst ge­deu­tet wer­den, ist in den letz­ten Mo­na­ten ein­dring­lich be­legt. Die Rich­tig­stel­lung durch Fak­ten wird als Be­leg des Ge­gen­teils in­ter­pre­tiert.
Kas­ka­den. Das Bei­spiel ver­weist auf ein grund­sätz­li­ches Pa­ra­dox: Die Glo­ba­li­sie­rung der Web­kom­mu­ni­ka­ti­on mit ih­ren Po­ten­zia­len er­mög­licht es, durch einen ein­zi­gen Akt des Pos­tings etwa ei­nes Bil­des auf den mehr als 700 Mil­lio­nen ein­schlä­gi­gen Blogs mit ei­ner Open-Sour­ce-Soft­wa­re wie Tum­blr, Flickr, Pin­te­rest, Ins­ta­gram oder auch You­tu­be Kas­ka­den in Gang zu set­zen, weil mil­li­ar­den­fach an­de­re In­di­vi­du­en den Im­puls imi­tie­ren und so un­glaub­li­che Men­schen­men­gen er­rei­chen, ohne das zu wol­len oder zu wis­sen. Wir nen­nen die­sen Pro­zess „Ran­dom Co­py­ing“ durch „Or­di­na­ry in­flu­encers“.
So­ci­al Bots. Gleich­zei­tig wird die­ses gi­gan­ti­sche Po­ten­zi­al, in dem je­der Ein­zel­ne so­zu­sa­gen als ver­steck­ter In­no­va­tor ak­tiv wer­den kann, durch sich selbst aus­ge­he­belt, weil es wie­der­um Ein­zel­ne sind, die das Prin­zip au­to­ma­ti­sie­ren und durch die In­stal­la­ti­on von Bots sug­ge­rie­ren, da wä­ren Men­schen am Werk, wäh­rend die Nach­rich­ten von Zom­bie-Ac­counts stam­men. Zu­sam­men mit künst­li­cher In­tel­li­genz kön­nen auf die­se Wei­se wie­der­um Kas­ka­den ohne ir­gend­ei­nen tiefe­ren Sinn ent­ste­hen, etwa Shits­torms.
So­ci­al Di­gi­tal Di­vi­de. Die Di­gi­ta­li­sie­rung der Haus­halts­tech­no­lo­gie oder die Er­rich­tung von Smart Ci­ties könn­te einen Fi­nan­ci­al Di­gi­tal Di­vi­de er­zeu­gen, also eine Spal­tung der Ge­sell­schaft, weil sich für Jahr­zehn­te die Be­frie­di­gung fun­da­men­ta­ler Be­dürf­nis­se – Woh­nen, ur­ba­ne In­klu­si­on, Mo­bi­li­tät, da­mit plu­ra­lis­ti­sche so­zia­le Be­zie­hun­gen – so ver­teu­ert, dass be­stimm­te Mi­lieus an die­ser Trans­for­ma­ti­on nicht oder nur pe­ri­pher teil­ha­ben wer­den. Die po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Fol­gen sind un­be­re­chen­bar.
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