„Jeder Mensch ist flexibel – bis zu einem gewissen Grad“

INTERVIEW:

HBM Juni 2017

Wie ha­ben Sie in Ih­rer For­schungs­tä­tig­keit den Sprung von per­sön­li­chen zu be­ruf­li­chen Be­zie­hun­gen ge­schafft?
FIS­HER Mei­ne For­schungs­ar­beit über Per­sön­lich­keit­s­ty­pen hat ziem­lich viel Auf­se­hen er­regt, und Dave Lab­no, den ich da­mals noch nicht kann­te, der aber spä­ter mein Ge­schäfts­part­ner wur­de, hör­te ein In­ter­view mit mir im Na­tio­nal Pu­blic Ra­dio. Dar­auf­hin rief er mich an und sag­te: „Ei­gent­lich be­fasst du dich gar nicht mit Lie­be, He­len, son­dern mit Be­zie­hun­gen.“ Mir wur­de plötz­lich klar, dass er recht hat­te. Mein Fra­ge­bo­gen, mit des­sen Hil­fe Men­schen her­aus­fin­den kön­nen, ob sie als Lie­bes­paar zu­sam­men­pas­sen oder nicht, lässt sich auch auf Fa­mi­li­en­mit­glie­der, Freun­de, Kol­le­gen und Kun­den an­wen­den. Dave war da­mals schon seit Jah­ren im Ge­schäfts­le­ben tä­tig und kann­te alle Per­sön­lich­keits­tests, die es auf dem Markt gab. Er hielt mei­nen Test für einen ganz neu­en, bahn­bre­chen­den An­satz.

Wa­rum ist die­ser Per­sön­lich­keits­test bes­ser als an­de­re As­sess­ments wie bei­spiels­wei­se Myers-Briggs oder der Big-Five-Test?
FIS­HER Weil er auf den che­mi­schen Vor­gän­gen im Ge­hirn ba­siert. Für die Ent­wick­lung die­ses Tests ar­bei­te­te ich neu­ro­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen durch und va­li­dier­te den Test dann zu­sam­men mit Kol­le­gen an­hand funk­tio­nel­ler Ma­gne­tre­so­nanz­to­mo­gra­fi­en (fMRT).
Die Per­sön­lich­keit ei­nes Men­schen be­steht aus zwei Ele­men­ten, die stän­dig mit­ein­an­der in­ter­a­gie­ren: un­se­rer Kul­tur (Über­zeu­gun­gen, Denk- und Ver­hal­tens­wei­sen, die uns an­er­zo­gen wur­den) und un­se­rem Tem­pe­ra­ment (das von un­se­rer Bio­lo­gie – Ge­nen, Hor­mo­nen und Neu­ro­trans­mit­tern – be­stimmt wird). Mei­ne For­schungs­ar­beit un­ter­sucht den Aspekt des Tem­pe­ra­ments. Die meis­ten Hirn­sys­te­me sind für Ab­läu­fe wie Au­gen­blin­zeln, Herz­schlag und Stoff­wech­sel zu­stän­dig. Doch als ein Mit­ar­bei­ter der On­li­ne­part­ner­ver­mitt­lung Match.com mich frag­te: „Wa­rum ver­liebt man sich aus­ge­rech­net in einen be­stimm­ten Men­schen und nicht in einen an­de­ren?“, ver­such­te ich trotz­dem eine neu­ro­lo­gi­sche Ant­wort dar­auf zu fin­den. Zwei Jah­re lang ver­tief­te ich mich in die Fachli­te­ra­tur zu die­sem The­ma und stell­te da­bei im­mer wie­der fest, dass vier bio­lo­gi­sche Sys­te­me – Dopamin/Noradrenalin, Se­ro­to­nin, Te­stos­te­ron und Östrogen/Oxytocin – je­weils mit ei­ner be­stimm­ten Grup­pe von Per­sön­lich­keits­merk­ma­len as­so­zi­iert sind, und zwar nicht nur beim Men­schen, son­dern auch bei Tau­ben, Ei­dech­sen und Af­fen.

Wel­che Zu­sam­men­hän­ge ha­ben Sie ent­deckt?
FIS­HER Men­schen, bei de­nen be­stimm­te Gene im Do­pa­min­sys­tem ak­tiv sind, gel­ten nor­ma­ler­wei­se als neu­gie­rig, krea­tiv, spon­tan, dy­na­misch und fle­xi­bel in ih­rem Den­ken. Sie ge­hen gern Ri­si­ken ein und in­ter­es­sie­ren sich für al­les Neue. Men­schen, die eine hohe Se­ro­to­ni­n­ak­ti­vi­tät ha­ben (oder so­ge­nann­te SSRI-An­ti­de­pres­si­va ein­neh­men), sind nor­ma­ler­wei­se ge­sel­li­ger, ih­nen ist es wich­tig, da­zu­zu­ge­hö­ren. Au­ßer­dem sind sie ziem­lich tra­di­ti­ons­be­wusst und nicht so ent­de­ckungs­freu­dig. Te­stos­te­ron­be­ton­te Men­schen sind kom­pro­miss­los, di­rekt, ent­schluss­freu­dig, skep­tisch und durch­set­zungs­fä­hig. Nor­ma­ler­wei­se kom­men sie in re­gel­ba­sier­ten Sys­te­men – In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten, In­for­ma­tik, Me­cha­nik, Ma­the­ma­tik und Mu­sik – gut zu­recht. Und Men­schen, bei de­nen das Östrogen/Oxytocin-Sys­tem be­son­ders stark aus­ge­prägt ist, sind nor­ma­ler­wei­se in­tui­ti­ons- und fan­ta­sie­be­gabt, ver­trau­ens­voll, ein­fühl­sam, den­ken lang­fris­tig und in großen Zu­sam­men­hän­gen. Sie ha­ben ein fei­nes Ge­spür für die Ge­füh­le an­de­rer Men­schen, kön­nen sich in der Re­gel auch gut aus­drücken und ver­fü­gen über aus­ge­präg­te so­zia­le Kom­pe­ten­zen.

Mit He­len Fis­her sprach Ali­son Be­ard, Re­dak­teu­rin der Har­vard Busi­ness Re­view.
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