Der Preis der Einflussnahme

FALLSTUDIE:

HBM Juni 2015

Kaum hat­te Ha­rold Lee­son, der CEO von Na­tu­ral Foods, sein Auto auf dem Park­platz der Fir­men­zen­tra­le ab­ge­stellt, klin­gel­te auch schon sein Han­dy. Das Dis­play zeig­te die Num­mer von Ken­neth King, ei­nem sei­ner Board­mit­glie­der. Lee­son be­rei­te­te sich auf ein un­an­ge­neh­mes Ge­spräch vor.
„Das ist eine Ka­ta­stro­phe“, pol­ter­te King so­fort los.
„Ich weiß“, ant­wor­te­te Lee­son. Sei­ne Stim­me klang müde. „Aber die Mit­ar­bei­ter der PR-Ab­tei­lung mei­nen, dass bald Gras über die Sa­che wach­sen wird. So et­was ge­ra­te schnell in Ver­ges­sen­heit.“
„Bei wem? Bei den Me­di­en? Un­se­ren Mit­ar­bei­tern? Oder un­se­ren Kun­den? Zur­zeit wer­den wir näm­lich von vie­len Sei­ten be­schos­sen. Und mei­ner Mei­nung nach so­gar zu Recht.“
Na­tu­ral Foods, eine mit­tel­stän­di­sche Bio­le­bens­mit­tel­ket­te mit Sitz in Min­nea­po­lis, steck­te be­reits seit ei­ni­gen Wo­chen in Schwie­rig­kei­ten. Da­mals hat­te die Zei­tung „Star Tri­bu­ne“ einen Ar­ti­kel über eine Spen­de von Na­tu­ral Foods an ein po­li­ti­sches Ak­ti­ons­ko­mi­tee (in den USA auch Su­per-PAC ge­nannt - Anm. d. Red.) na­mens Min­ne­so­ta Busi­ness First ver­öf­fent­licht. Na­tu­ral Foods hat­te be­schlos­sen, die­ses Su­per-PAC zu un­ter­stüt­zen, weil es Wahl­kampf­an­zei­gen für Kan­di­da­ten fi­nan­zie­ren woll­te, die sich für eine un­ter­neh­mer­freund­li­che Po­li­tik stark­mach­ten. Doch um in ei­nem knap­pen Kopf-an-Kopf-Ren­nen in letz­ter Mi­nu­te noch kon­ser­va­ti­ve Wäh­ler zu ge­win­nen, hat­te ei­ner die­ser Kan­di­da­ten - Pat Erik­son, ein auf­stre­ben­der jun­ger Re­pu­bli­ka­ner aus Min­ne­so­ta - sich sehr ne­ga­tiv über die gleich­ge­schlecht­li­che Ehe ge­äu­ßert. Erik­son hat­te an­ge­kün­digt, er wer­de ge­gen je­den Ge­set­z­ent­wurf stim­men, der die Schwu­le­ne­he le­ga­li­sie­ren wol­le. Zu Lee­sons großem Ent­set­zen wur­de Na­tu­ral Foods nun in die glei­che ho­mo­se­xu­el­len­feind­li­che Ecke ge­stellt.
„Ich bin auch nicht be­geis­tert von die­ser Ent­wick­lung“, er­klär­te er King. „Sie wis­sen ja, wie we­nig ich mir wün­sche, dass der Be­griff ,schwu­len­feind­lich' mit Na­tu­ral Foods as­so­zi­iert wird.“ Die bei­den Män­ner hat­ten zu Be­ginn ih­rer zehn­jäh­ri­gen Zu­sam­men­ar­beit fest­ge­stellt, dass je­der von ih­nen einen ho­mo­se­xu­el­len Sohn hat­te.
Als Lee­son vor ei­ni­gen Mo­na­ten die Spen­de an das Su­per-PAC be­wil­ligt hat­te, hat­te er ver­ges­sen zu hin­ter­fra­gen, wie Min­ne­so­ta Busi­ness First die Ein­stel­lung sei­ner po­li­ti­schen Kan­di­da­ten zu so­zia­len Fra­gen über­prüf­te. Und selbst als Erik­son sei­nen har­ten Kurs ge­gen die Schwu­le­ne­he ein­schlug, hat­te Lee­son nicht da­mit ge­rech­net, dass dies so ver­hee­ren­de Kon­se­quen­zen für Na­tu­ral Foods ha­ben wür­de.
In meh­re­ren grö­ße­ren Fi­lia­len des Un­ter­neh­mens in San Fran­cis­co, Los An­ge­les und Min­nea­po­lis hat­ten Kun­den Pro­tes­t­ak­tio­nen ge­st­ar­tet. Vie­le der 10 000 Mit­ar­bei­ter hat­ten ein State­ment un­ter­schrie­ben, in dem sie Lee­son um eine Er­klä­rung da­für ba­ten, wa­rum Na­tu­ral Foods sol­che Kan­di­da­ten un­ter­stütz­te. Meh­re­re Füh­rungs­kräf­te hat­ten die Be­fürch­tung ge­äu­ßert, dass ihre schwu­len und les­bi­schen Mit­ar­bei­ter sich durch die­se Wahl­kampfs­pen­de vor den Kopf ge­sto­ßen füh­len könn­ten. Mit­hil­fe von Bet­ty Mar­tin, der Lei­te­rin der Go­ver­n­ment-Re­la­ti­ons-Ab­tei­lung von Na­tu­ral Foods, hat­te Lee­son ein in­ter­nes State­ment her­aus­ge­ge­ben: Die­se Wahl­kampfs­pen­den be­deu­te­ten nicht, dass man alle po­li­ti­schen An­sich­ten der Kan­di­da­ten be­für­wor­te, die Min­ne­so­ta Busi­ness First un­ter­stüt­ze, hieß es. Das Exe­cu­ti­ve Com­mit­tee und der Board wür­den die Spen­den­po­li­tik über­den­ken.
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