Die Zahlen im Kopf von Jeff Bezos

PORTRÄT:

HBM Dezember 2014

An ei­nem Frei­ta­gnach­mit­tag im Jahr 2004 er­hielt Ama­zon-Ma­na­ger Vi­jay Ra­vin­dran eine un­ge­wöhn­li­che Ein­la­dung: Jeff Be­zos hat­te für Sams­tag­mor­gen ein Tref­fen ein­be­ru­fen. Es soll­te im Boots­haus ne­ben dem an ei­nem See ge­le­ge­nen Haus des CEOs statt­fin­den. Als die Teil­neh­mer ein­ge­trof­fen wa­ren, er­zähl­te ih­nen Be­zos vom Vor­schlag ei­nes Mit­ar­bei­ters. Ama­zon, so des­sen Idee, soll­te sei­nen Lie­fer­dienst um ein neu­es An­ge­bot er­gän­zen. Bis da­hin war der Ver­sand von Wa­ren im Wert von mehr als 25 Dol­lar kos­ten­los. Künf­tig aber soll­ten Kun­den für eine Jah­res­ge­bühr die meis­ten Pro­duk­te ohne wei­te­re Kos­ten ver­schi­cken kön­nen, un­ab­hän­gig von der Grö­ße der Pa­ke­te.
„Jeff war ex­trem ener­gie­ge­la­den. Er dach­te, dies sei eine Ge­le­gen­heit, et­was sehr Wich­ti­ges auf­zu­bau­en“, er­in­nert sich Ra­vin­dran. Das war auch der Grund für die Dring­lichkeit, mit der Be­zos das Mee­ting am See ein­be­ru­fen hat­te.
Der Vor­schlag rief bei den Ma­na­gern Be­stür­zung her­vor. Ver­hal­ten äu­ßer­ten sie Kri­tik. Das Team, das für die Fi­nan­zen von Ama­zon zu­stän­dig war, gab zu be­den­ken, dass der Er­lass von Lie­fer­ge­büh­ren der Mar­ge Scha­den zu­fü­gen wür­de. „Ei­ni­ge Leu­te dach­ten, dass es sich um eine ex­trem schlech­te Idee han­del­te. Die Kal­ku­la­tio­nen ka­men quer durch die Bank zu dem Er­geb­nis, dass wir Ver­lus­te ein­fah­ren wür­den“, sagt Ra­vin­dran.
Be­zos aber igno­rier­te die Ein­wän­de. Er war über­zeugt, dass das An­ge­bot zu mehr Be­stel­lun­gen füh­ren wür­de. Sei­ne In­tui­ti­on soll­te sich als rich­tig er­wei­sen. Als das Un­ter­neh­men das Pro­gramm ei­ni­ge Wo­chen spä­ter un­ter dem Na­men Pri­me auf den Markt brach­te, stell­te sich her­aus: Kun­den, die zu­vor nur ei­ni­ge we­ni­ge Ein­käu­fe pro Jahr ge­tä­tigt hat­ten, lie­ßen sich plötz­lich mehr­mals pro Mo­nat Wa­ren zu­schi­cken.
„Statt dar­auf ab­zu­zie­len, das be­ste­hen­de Ge­schäft zu schüt­zen, sah Jeff die Chan­cen“, sagt Ra­vin­dran, heu­te Chief Di­gi­tal Of­fi­cer beim Me­dien­kon­zern Gra­ham Hol­dings (dem frü­he­ren Ei­gen­tü­mer der von Be­zos im Jahr 2013 ge­kauf­ten Ta­ges­zei­tung „Wa­shing­ton Post“ - Anm. der Red.). „Es war der ein­drucks­volls­te Be­weis von Füh­rungs­stär­ke in ei­nem Un­ter­neh­men, den ich in mei­ner Kar­rie­re ge­se­hen habe.“ Heu­te zah­len zig Mil­lio­nen Kun­den 99 Dol­lar jähr­lich für eine Pri­me-Mit­glied­schaft. Der Dienst hat Ama­zon mehr als eine Mil­li­ar­de Dol­lar ein­ge­bracht und zu un­zäh­li­gen zu­sätz­li­chen Ver­käu­fen ge­führt.

UN­KON­VEN­TIO­NEL­LE DENK­WEI­SE
Die Ge­ring­schät­zung für kon­ven­tio­nel­le An­sät­ze ist ein Merk­mal von Be­zos. Be­kannt ge­wor­den ist etwa sein Ver­bot, in­ner­halb des Un­ter­neh­mens Po­wer­point ein­zu­set­zen. Aber eine grö­ße­re Rol­le für das Wachs­tum von Ama­zon hat wohl die Häu­fig­keit ge­spielt, mit der er Ent­schei­dun­gen auf Ba­sis von Ta­bel­len­kal­ku­la­tio­nen ab­ge­lehnt hat. Ama­zon be­schäf­tigt 132 000 Mit­ar­bei­ter und er­wirt­schaf­tet einen Jah­res­um­satz von fast 75 Mil­li­ar­den Dol­lar. Das 20 Jah­re alte Un­ter­neh­men fährt re­gel­mä­ßig Ver­lus­te ein. Im drit­ten Quar­tal 2014 be­trug das Mi­nus aus dem ope­ra­ti­ven Ge­schäft 544 Mil­lio­nen Dol­lar.
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