Das Gehirn bei der Arbeit

NEUROWISSENSCHAFTEN:

HBM Dezember 2013

Als Ap­p­le-Fans 2011 Schlan­ge stan­den, um das neue iPho­ne zu kau­fen, er­schi­en in der „New York Ti­mes“ ein Kom­men­tar mit der Über­schrift: „Sie lie­ben ihr iPho­ne - im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes.“ Der Kom­men­tar be­zog sich auf ein nicht ver­öf­fent­lich­tes Ex­pe­ri­ment, bei dem der Au­tor Hirns­cans an 16 Leu­ten durch­ge­führt hat­te, wäh­rend sie sich Ton- und Vi­deo­auf­nah­men von klin­geln­den und vi­brie­ren­den iPho­nes an­hör­ten und an­sa­hen. Die Scans zeig­ten Ak­ti­vi­tät im in­su­lä­ren Kor­tex - eine Hirn­re­gi­on, die ak­tiv wird, wenn je­mand das Ge­fühl von Lie­be ver­spürt. „Das Ge­hirn der Pro­ban­den rea­gier­te ge­nau­so, wie es auf die An­we­sen­heit oder die Nähe des Freun­des oder der Freun­din oder ei­nes An­ge­hö­ri­gen rea­gie­ren wür­de“, schrieb der Au­tor: „Sie lieb­ten ihre iPho­nes.“
Et­li­che Dut­zend Neu­ro­wis­sen­schaft­ler un­ter­zeich­ne­ten einen Brief an die „Ti­mes“, der den Ar­ti­kel ver­ur­teil­te und in dem sie dar­auf hin­wie­sen, dass bei ei­nem Drit­tel al­ler bild­ge­ben­den Stu­di­en des Ge­hirns Ak­ti­vi­tät im in­su­lä­ren Kor­tex ver­zeich­net wür­de. Er wird ak­tiv, wenn Men­schen Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen wahr­neh­men und so­gar dann, wenn sie nur at­men. So hat­te die „Ti­mes“ selbst im Jahr 2007 einen Kom­men­tar ver­öf­fent­licht, in dem er­klärt wur­de, dass ge­ra­de die­se Hirn­re­gi­on be­tei­ligt ist, wenn Men­schen das Ge­gen­teil von Lie­be emp­fin­den. Un­ter dem Ti­tel „Das meint Ihr Hirn zur Po­li­tik“ stell­te der Ar­ti­kel einen Zu­sam­men­hang zwi­schen ge­stei­ger­ter Ak­ti­vi­tät im in­su­lä­ren Kor­tex und dem Ge­fühl von Ab­scheu her; au­ßer­dem wur­de be­haup­tet, dass bei Män­nern be­son­ders star­ke Ak­ti­vi­tät zu be­ob­ach­ten sei, wenn sie das Wort „Re­pu­bli­ka­ner“ sä­hen. Wis­sen­schaft­ler schrie­ben auch zu die­sem Ar­ti­kel einen Pro­test­brief.
Die­se bei­den An­ek­do­ten sind ein Bei­spiel für das, was Wis­sen­schaft­ler auch als „Ge­hirnpor­no­gra­fie“ be­zeich­nen: eine Me­dien­be­richt­er­stat­tung, in der die neu­ro­wis­sen­schaft­li­che For­schung ex­trem ver­ein­facht dar­ge­stellt wird - was der wach­sen­den Bran­che von so ge­nann­ten Neu­ro­bera­tern Auf­trieb gibt, die sa­gen, sie könn­ten die Er­folgs­ge­heim­nis­se für Ma­na­ge­ment und Mar­ke­ting di­rekt an­hand der Re­ak­tio­nen des mensch­li­chen Ge­hirns auf­de­cken. Ob­wohl das Fa­zit die­ser Ar­ti­kel frag­wür­dig ist, stüt­zen sie sich den­noch meist auf Bil­der der funk­tio­nel­len Ma­gne­tre­so­nanz­to­mo­gra­fie (fMRT), des wich­tigs­ten Werk­zeugs der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten. Die­se Tech­nik ge­währt uns Ein­bli­cke in den Ar­beitspro­zess des Ge­hirns; wir kön­nen se­hen, wie beim Den­ken un­ter­schied­li­che Hir­na­rea­le ak­tiv wer­den.
Sol­che ein­drucks­vol­len Bil­der bie­ten schein­bar sim­ple Er­klä­run­gen für kom­ple­xe Phä­no­me­ne. Das Pro­blem aber ist: Die fMRT-Tech­nik zeigt uns nicht un­be­dingt die Ur­sa­chen für die ent­stan­de­nen Bil­der. Au­ßer­dem las­sen sich das Den­ken und das Ver­hal­ten nicht eins zu eins für be­stimm­te Hirn­re­gio­nen ab­bil­den. Wenn man das Ge­hirn ei­nes Men­schen scannt, der sich ge­ra­de Wer­be­sen­dun­gen an­schaut, kann man dar­aus nicht ab­lei­ten, ob er lie­ber Coca-Cola oder Pep­si trinkt. Ge­nau­so we­nig kann man nach dem Scan­nen von den Ge­hir­n­en zwei­er CEOs sa­gen, wer von bei­den die bes­se­re Füh­rungs­kraft ist. Ak­ti­vi­tät in der In­su­la ist noch kein Be­weis da­für, dass man für sein Smart­pho­ne die­sel­ben Ge­füh­le hegt wie für sei­ne Mut­ter.
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