Die Rückkehr des alten Mannes

FALLSTUDIE:

HBM September 2013

Es ist be­reits nach Mit­ter­nacht, aber Myra Wan­an­di sitzt noch wach in ih­rem Haus in Ja­kar­ta, wo sie zu­sam­men mit ih­rem Mann lebt. Sie schreibt in ihr Ta­ge­buch:
"Ich bin müde, aber ich muss mich kon­zen­trie­ren. Mein Va­ter baut bei ei­ner der wich­tigs­ten Ent­schei­dun­gen sei­nes Le­bens auf mich. Ich bin si­cher, dass er sich mei­ne Wor­te zu Her­zen neh­men wird. Das tut er im­mer, doch dies­mal macht mir das Angst, denn im Au­gen­blick weiß ich wirk­lich nicht wei­ter. Ich hof­fe, dass mir beim Schrei­ben eine ret­ten­de Idee kommt. Er er­war­tet mor­gen eine Ant­wort von mir.
Ei­gent­lich ist die Si­tua­ti­on ganz ein­fach: Vor drei Jah­ren trat mein Va­ter Jaya Tan - da­mals noch CEO un­se­res Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens, der Mar­ta­pu­ra Group - in den Ru­he­stand. Er über­trug ei­nem ex­ter­nen CEO die Lei­tung, da­mit das Un­ter­neh­men wie­der er­starkt und wächst. Doch un­se­re Fir­ma er­hol­te sich nicht so leicht von der Re­zes­si­on wie er­war­tet. Des­halb ha­ben ei­ni­ge mei­ner Cous­ins mei­nen Va­ter ge­be­ten, sei­nen al­ten Pos­ten als CEO wie­der an­zu­tre­ten. Und die­se Idee reizt ihn tat­säch­lich sehr. Denn der Ru­he­stand lang­weilt ihn, und wenn er da­von spricht, wie­der in die Fir­ma zu­rück­zu­keh­ren, leuch­ten sei­ne Au­gen. Doch mein Bru­der Ricky ist ent­setzt dar­über, dass mein Va­ter an eine Macht­über­nah­me denkt. Sei­ner Mei­nung nach ist un­se­re Fa­mi­lie ver­pflich­tet, sich an die von ihr selbst auf­ge­stell­ten Go­ver­nance-Re­geln zu hal­ten. Sonst wird un­ser Un­ter­neh­men schei­tern, meint er.
Wenn ich nur wüss­te, wer von bei­den recht hat!
Mein Groß­va­ter und sein Bru­der grün­de­ten ihre Fir­ma in In­do­ne­si­en kurz nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Das wa­ren schwe­re Zei­ten, doch mit dem Auf­stieg von Su­kar­no als ers­tem Prä­si­den­ten der neu­en Re­pu­blik In­do­ne­si­en be­gann ihr klei­ner Ge­mü­sehan­del zu flo­rie­ren, und schon bald lie­fer­ten sie Le­bens­mit­tel bis nach Sin­ga­pur und Aus­tra­li­en. Mein Groß­va­ter war für den Ex­port zu­stän­dig, wäh­rend mein Groß­on­kel sich um die Pal­men­plan­ta­ge küm­mer­te.
Mein Va­ter trat im Jahr 1961 in die Fir­ma ein. Da­mals war er erst zwölf Jah­re alt. Er sagt, sei­ne Kind­heit habe nach Mus­kat­nuss ge­ro­chen - er ver­lud die Nüs­se kis­ten­wei­se auf Boo­te. Mein Va­ter war min­des­tens ge­nau­so so stark wie sein jün­ge­rer und sein äl­te­rer Bru­der, und bald stell­te sich her­aus, dass er der fä­higs­te Ge­schäfts­mann sei­ner Tan-Ge­ne­ra­ti­on war. In den 70er Jah­ren dehn­te das Un­ter­neh­men sei­ne Ge­schäf­te auf sein Be­trei­ben hin auf Palm­öl aus und schuf mit sei­ner Hil­fe eine Ket­te von Le­bens­mit­tel­lä­den.
Der Erb­fol­ge nach hät­te mein äl­te­rer On­kel - ein be­le­se­ner Mann - mei­nen Groß­va­ter als CEO ab­lö­sen sol­len. Doch er war selbst­kri­tisch ge­nug, um zu wis­sen, dass er die­ser Auf­ga­be nicht ge­wach­sen war, und fa­vo­ri­sier­te mei­nen Va­ter für die Rol­le des CEOs. Mein jün­ge­rer On­kel, der sei­ne Auf­ga­be als Vice Pre­si­dent nicht son­der­lich ernst nahm, war ge­gen die­sen Plan; er hat­te Angst, dass mein Va­ter den Be­trieb voll­stän­dig um­krem­peln wür­de. Die­ser Kon­flikt schwelte bis zum Jahr 1979. Erst dann rief mein Groß­va­ter sei­ne Söh­ne und den Rest der Fa­mi­lie zu­sam­men. In sei­nem Wohn­zim­mer ver­las er eine „Ver­fas­sung“, die er und sein Bruder ge­mein­sam auf­ge­setzt hat­ten: Die Fa­mi­li­en­mit­glie­der müss­ten sich stets um ein lie­be­vol­les Ver­hält­nis zu­ein­an­der be­mü­hen, sich bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten ver­söhn­lich zei­gen und die In­ter­es­sen der Fir­ma über ihre ei­ge­nen stel­len, hieß es dar­in.
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