Woran scheitern Talente?

Sackgassen:

19. Dezember 2017
Daniel Stolle für Harvard Business Manager

Es gibt da diesen Spruch von Konfuzius: "Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten." Viele Talente scheitern, weil sie diese Berufung nicht gefunden haben. Sie quälen sich über Jahre in einem Job, der nichts weiter als ein Job für sie ist, und warten auf den Feierabend, um endlich wieder sie selbst zu sein.

Leider stellen sich viele Menschen am Anfang ihrer Karriere nie ernsthaft die entscheidenden Fragen. Die erste ist: Was kann ich, welche Fähigkeiten bringe ich mit? Und die zweite: Was ist mir wichtig, was treibt mich an und motiviert mich? Stattdessen versuchen sie, irgendwelchen Erwartungen zu genügen. Oft sind das die der Eltern, aber viele lassen sich auch stark von Freunden und ihrem gesamten Umfeld leiten. Statt ihre eigenen Interessen zu verfolgen, greifen sie kurzfristige Trends auf: Die anderen wollen alle Investmentbanker oder Unternehmensberater werden? Okay, dann mache ich das jetzt auch.

Ich kenne das Phänomen auch deshalb so gut, weil ich mich selbst früher oft an anderen orientiert habe. Mein Jurastudium habe ich gewählt, um mir damit viele Optionen offenzuhalten. Anfangs wollte ich mich noch gar nicht so festlegen. Aber als ich dann im Studium merkte, dass die meisten meiner Kommilitonen Anwalt werden wollten - ein paar auch Richter -, habe ich mich auch in diese Richtung drängen lassen. Die nächsten Jahre habe ich mich für dieses Ziel gequält, habe beide Staatsexamen abgelegt und noch einen Master im Ausland gemacht. Richtig Spaß gemacht hat mir das alles nicht. Aber ich habe mir gedacht: Jetzt habe ich schon so viel Zeit da reingesteckt, nun muss ich das auch durchziehen. Dann saß ich da in meinem ersten Job als Anwältin, und es war überhaupt nicht das, was ich machen wollte. Ich habe immer nur Memos für meinen Chef geschrieben und hatte sonntags einen Kloß im Bauch, weil ich montags wieder zur Arbeit musste.

Genau das sind die Situationen, in denen Talente scheitern. Denn wenn man die ganze Zeit denkt, dass dieser Job eigentlich nicht das Richtige ist, kann man auch nicht erfolgreich sein. Die ersten Berufsjahre nach dem Trial-and-Error-Prinzip zu gestalten ist völlig in Ordnung. Aber wenn es schiefgeht, muss man in der Lage sein, schnell und konsequent den Absprung zu machen.

Als der Veränderungsdruck bei mir selbst immer größer wurde, habe ich darüber nachgedacht, warum ich mich eigentlich so unwohl fühlte. Und ich habe mit anderen Leuten gesprochen, sie über ihre Berufe ausgefragt und sie um Rat gebeten. Als ein Assessment im Unternehmen meines Vaters ergab, dass es mir nicht liegt, anderen zuzuarbeiten, habe ich beschlossen, meinen Job zu kündigen. Mein Chef war erleichtert, als ich ihm das eröffnete. Ich glaube, er stand selbst kurz davor, mich zu entlassen. Er hatte auch gemerkt, dass ich keine Lust auf diese Arbeit hatte.

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