Woran scheitern Talente?

19. Dezember 2017
Daniel Stolle für Harvard Business Manager

2. Teil: "Fahrersitz der Karriere"

Der Gedanke, in der Outplacementberatung meines Vaters zu arbeiten, war mir bis dahin nie gekommen. Weil ich schon 13 oder 14 Jahre alt war, als mein Vater das Unternehmen gründete, bin ich damit gar nicht so wirklich groß geworden. Aber irgendwann während meiner nächsten beruflichen Station bei einer Strategieberatung sprach mich eine Kooperationspartnerin an, warum ich nicht bei von Rundstedt arbeiten wolle - das würde doch gut zu mir passen. Mein Vater selbst hat mich nie dazu gedrängt, in sein Unternehmen zu kommen. Damals hatte er das Thema Nachfolge auch noch nicht auf dem Schirm. Als ich ihm verkündete, ich wolle bei ihm anfangen, war er ziemlich überrascht.

Diese Phase der Reflexion, die ich damals durchgemacht habe, ist ein ganz zentrales Element der Karriereentwicklung. Deshalb erstaunt es mich, dass so viele Menschen sich diese Entscheidung abnehmen lassen. Manche kommen später zu uns in die Karriere- oder Outplacementberatung. Spätestens dann müssen sie darüber nachdenken, was sie wirklich wollen. Denn bevor wir mit jemandem den Markt bearbeiten - also konkrete Stellenangebote ermitteln -, analysieren wir gemeinsam, was er oder sie machen möchte. So mancher kommt mit der Einstellung zu uns: "Das brauche ich alles nicht. Ich weiß, was ich will - und jetzt öffnen Sie mir bitte Ihr Netzwerk." So funktioniert das aber nicht. Im Nachhinein sagen auch diese Klienten: "Ich hätte nicht gedacht, wie viel mir das bringt - endlich hatte ich mal die Zeit, mir wirklich darüber klar zu werden, was ich will." Wenn jüngere Menschen scheitern, liegt es aber nicht nur daran, dass sie zu wenig über ihre Fähigkeiten und Ziele nachdenken. Oft formulieren sie auch nicht klar genug, was sie wollen. Gerade Frauen stellen ihr Licht oft unter den Scheffel und warten darauf, dass sie für eine neue Karrierechance angesprochen werden. Sie kämpfen nicht dafür, ihre Karriereziele umzusetzen. Ich spreche da gern vom "Fahrersitz der Karriere": Ich setze mich selbst ans Steuer, übernehme Verantwortung für mein Leben und überlasse keinem anderen die Entscheidung darüber.

Das versuche ich natürlich auch in meinem eigenen Leben als Geschäftsführerin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder umzusetzen. Ich weiß selbst, wie schwierig diese Selbstbestimmtheit ist, wenn man Familie hat. Für mich ist die Rollenverteilung in der Partnerschaft eine große Herausforderung, ein Grundthema in der Beziehung mit meinem Mann. Und ich weiß, dass auch viele andere Frauen meiner Generation damit zu kämpfen haben. Hier einen für alle annehmbaren Kompromiss zu finden ist eine Aufgabe, an der ich permanent arbeiten muss.

Mein Mann ist selbst Unternehmer in Frankfurt; seinetwegen bin ich vor 14 Jahren an den Main gezogen. Als ich die Nachfolge meines Vaters in der Von-Rundstedt-Zentrale in Düsseldorf angetreten habe, wäre ich natürlich gern für ein paar Jahre mit der Familie ins Rheinland gegangen. Aber für meinen Mann kam das nicht infrage. Also musste ich jede Woche nach Düsseldorf pendeln. Dafür hat er zu Hause mehr mit angepackt und organisiert. Momentan würde ich gern mal für ein halbes Jahr nach Berlin ziehen, um dort in die Gründerszene einzutauchen und neue Impulse und Ansätze für die Weiterentwicklung meines Unternehmens aufzunehmen. Auch da muss ich nun mit meinem Mann gemeinsam eine Lösung finden, die für unsere Familie funktioniert.

Für Frauen, die vorankommen wollen, ist das immer wieder ein Thema. Wir sind darauf angewiesen, einen Kompromiss zu finden, und können manche berufliche Chance daher nicht ergreifen. Ich habe dabei das Bild eines Pendels vor Augen, das immer schwingt und niemals stillsteht: Wenn ein Partner jetzt Kompromisse macht, kann man sich darauf einigen, dass in Zukunft eben auch mal der andere Partner zurückstecken muss.


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Sophia Von Rundstedt
    Sophia Von Rundstedt ist CEO der Outplacement- und Karriereberatung von Rundstedt & Partner. Die Juristin übernahm die Geschäftsführung 2011 von ihrem Vater Eberhard von Rundstedt.
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