"Der Begriff Macht ist mir suspekt"

Interview:

Mit René Obermann sprach  Helene Endres
18. Dezember 2018
Getty Images

Wenige Menschen haben freiwillig auf so viel Macht verzichtet wie Sie: Von 2006 bis 2013 waren Sie CEO der Telekom, dann traten Sie vorzeitig und ohne Not zurück. Warum gibt man alles auf, für das man eine Karriere lang gearbeitet hat?

Obermann: Viele Leute haben sich gefragt: Warum macht der das? Doch nach 16 Jahren in der Firma und davon über sieben als Konzernchef war ich mir sicher, dass der Zeitpunkt richtig war. Die Firma war wieder wettbewerbsfähig, und ich konnte guten Gewissens neu anfangen. Auch, weil ich einen klasse Nachfolger hatte.

Auf die innere Stimme zu hören fällt vielen Menschen schwer.

Obermann: Das Hören finde ich nicht schwierig. Die Konsequenzen daraus zu ziehen, das ist schwierig. Die Gestaltungsmacht als CEO eines so großen Konzerns ist ja unglaublich groß. Und wenn man das aufgibt, fängt man wieder bei null an. Das ist der Preis. Ich weiß aber noch genau, wie befreit und motiviert ich mich gefühlt habe, mir meine Lorbeeren wieder neu verdienen zu können.

Warum fanden Sie das so erstrebenswert?

Obermann: Als CEO hatte ich oft Schwierigkeiten damit, dass man so stark hofiert wird. Es besteht immer die Gefahr, sich selbst mit dem Amt zu verwechseln. Sie glauben, dass Sie sich das hart verdient haben, aber so ist das nicht. Diese Macht ist nur für kurze Zeit verliehen.

Was hat Sie noch gestört?

Obermann: Man verbringt viel Zeit mit Dingen, die nicht sehr nah am operativen Geschäft sind, arbeitet auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau, beispielsweise an der Effizienz von Zentralfunktionen oder dem künftigen Regulierungsrahmen. Oder man hat mit repräsentativen Aufgaben zu tun. All das macht natürlich auch Spaß. Aber die Dosis muss stimmen. Wenn diese Themen 70 bis 80 Prozent Ihrer Zeit ausmachen, kommt irgendwann das Konkrete zu kurz. Dabei liebe ich zum Beispiel die Telekommunikation. Es macht unheimlich Spaß, Produkte zu entwickeln, über Netzinnovationen nachzudenken und mit Kunden zu arbeiten.

Während Ihrer Zeit als Dax-CEO haben Sie einmal gesagt: Der Begriff "Macht", der passt so gar nicht zu meinem eigenen Gefühl. Wie haben Sie das gemeint?

Obermann: Ich habe Macht auch im Kontext von Machtmissbrauch erlebt. Deshalb ist mir der Begriff suspekt.

Welchen Begriff würden Sie lieber wählen?

Obermann: Gestaltungsmöglichkeit und Verantwortung.

Trotzdem streben viele Menschen nach Macht.

Obermann: Absolut. Davon kann ich mich auch nicht frei machen. Ich bin kein Mensch, der sich gut in eine autokratische Hierarchie einordnen kann. Ich verstehe mich als Teamplayer, ob als CEO oder einer von mehreren Partnern. Befehlsempfänger sein, das kann ich nicht.

René Obermann
René Obermann ist Partner des amerikanischen Private-Equity-Unternehmens Warburg Pincus sowie Multiaufsichtsrat, unter anderem bei Airbus. Bekannt wurde Obermann durch seine Karriere bei der Telekom: 1998 kam er als Geschäftsführer Vertrieb zu T-Mobile Deutschland, ab 2000 führte er den Mobilfunkanbieter in Deutschland, ab 2002 international. 2006 stieg Obermann zum CEO der Deutschen Telekom auf. Nach sieben Jahren an der Konzernspitze trat er auf eigenen Wunsch von seinem Amt zurück. Obermann hat zwei Töchter aus erster Ehe und ist seit 2010 mit der TV-Journalistin Maybrit Illner verheiratet.

Dafür haben Sie es in einem hierarchischen Konzern wie der Telekom weit gebracht.

Obermann: Ich hatte in den ersten acht Jahren das Glück, Vorgesetzte zu haben wie Ron Sommer oder Kai-Uwe Ricke, bei denen ich nie das Gefühl hatte, mich unterordnen zu müssen. Wir haben sehr kollegial miteinander gearbeitet, und ich hatte viel Gestaltungsspielraum. Insofern empfand ich die Telekom in der ersten Zeit nur an manchen Stellen als unangenehme Hierarchie. In diesen Jahren als T-Mobile-Chef lief es extrem gut, wir konnten in meinem Bereich schnell wachsen. Und unser Ziel, die Nummer eins am Markt zu werden, hat uns alle total beflügelt. Das war wirklich anders, als man sich die Zustände bei der Telekom vielleicht vorstellt.

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