Cloud Computing für Manager

Heft 1/2012

4. Teil: Die Unternehmen tun sich schwer

Die Bedenken der Skeptiker

Trotz all der überzeugenden Vorteile und bedeutenden Befürworter setzt sich Cloud Computing nur langsam durch. In einer Studie des Marktforschungsunternehmens Forrester Research aus dem Jahr 2009 bezeichneten sich 37 Prozent der großen Unternehmen als "nicht interessiert". Weitere 39 Prozent signalisierte Interesse, hatten aber keine konkreten Pläne für die Cloud. Eine Befragung des US-Fachmagazins "Information Week" im Jahr 2011 zeigte, dass nur 29 Prozent der Teilnehmer die Auswirkungen der Cloud auf ihre Internet-Infrastruktur analysiert hatten. Und die IT-Marktforscher von Gartner sagen zwar voraus, dass Cloud Computing bis 2015 jährlich um 19 Prozent wachsen wird; trotzdem soll es bis zu diesem Zeitpunkt erst einen Anteil von 5 Prozent an den weltweiten IT-Ausgaben erreichen.

Warum verläuft die Entwicklung so langsam? Die bestehende IT eines Unternehmens in die Cloud zu verlagern ist kompliziert. Es erfordert schwierige Entscheidungen über Konsolidierung und Standardisierung. Die meisten älteren Organisationen arbeiten mit einem Sammelsurium an Hardware, Betriebssystemen und Anwendungen, eine oft komplizierte Altlast. Diese Systemvielfalt lässt sich nicht einfach in die Cloud übertragen, sie muss zuerst entwirrt und vereinfacht werden. Und auch wenn jeder über die Technik von gestern klagt, will niemand auf seine gewohnten Strukturen verzichten, nur damit sich das Unternehmen auf den Weg in die Cloud machen kann.

Kosten
Die verbreitete Unsicherheit in Bezug auf die Cloud zeigt sich vielleicht am besten in den Diskussionen über mögliche Kostenvorteile.

Die Erkenntnisse dazu sind bislang widersprüchlich. Eine McKinsey-Fallstudie aus dem Jahr 2009 zum Beispiel kam zu dem Schluss, dass die Kosten um 144 Prozent steigen würden, wenn das gesamte Rechenzentrum eines anonymisierten Unternehmens in die Cloud verlagert würde. Im Jahr darauf hieß es in einem Bericht von Microsoft (das selbst Cloud-Dienste anbietet), dass alle Unternehmen Geld sparen würden, wenn sie ihre Server in die Cloud brächten. Solche sich widersprechenden Einschätzungen machen es schwer, dem Rat zu folgen, den das US-Wirtschaftsmagazin "Wall Street Jounal" 2011 in einem Artikel gab: "Bei der Überlegung, welche Systeme sich für die Cloud eignen, müssen Unternehmen bei einer einfachen Frage anfangen - wird dieser Schritt Geld sparen?" Doch die Konzentration auf die Kosten ist aus zwei Gründen ohnehin irreführend. Erstens geben die meisten Unternehmen keine riesigen Summen für Informationstechnik aus, also haben auch deutlich höhere IT-Budgets keine substanziellen Folgen für den Gewinn. Nach Schätzungen von Gartner lagen im Jahr 2009 sämtliche mit IT zusammenhängenden Kosten im Durchschnitt aller großen US-Unternehmen aus dem Standard-&-Poor's-500-Index bei nur 3,2 Prozent des Umsatzes.

Zweitens werden Skaleneffekte bei Aufbau und Betrieb von IT-Infrastrukturen mit der Zeit immer stärker für die Cloud sprechen. Deren Anbieter kaufen gewaltige Mengen an Hardware, Übertragungsbandbreite und Strom und bekommen deshalb bessere Preise. Weil sie zudem dauernd neue Ausrüstung einsetzen, können sie ständig vom Moore'schen Gesetz des stetigen Preisrückgangs von Computerleistung profitieren. Zusammen werden diese Faktoren die Kosten des Cloud Computings und damit die Preise für die Kunden drücken. Amazon Web Services etwa hat seine Preise in den vergangenen drei Jahren zwölfmal gesenkt, obwohl es noch nicht im intensiven Wettbewerb steht.

Zuverlässigkeit
Ob billiger oder nicht - viele Skeptiker behaupten, dass die Cloud nicht so zuverlässig sei wie eine gut gepflegte Infrastruktur vor Ort. Selbst verwaltete Infrastruktur, so das Argument, sei stabiler als externe.

Am stärksten geriet die Verlässlichkeit der Cloud bislang im April 2011 in Zweifel, als große Teile der Web-Services-Infrastruktur von Amazon drei Tage lang ausfielen. Für viele ihrer Nutzer war das ein schwerer Schlag. Aber nicht für alle: Netflix zum Beispiel setzte stark auf Amazon, wurde von dessen Problemen aber trotzdem nicht in Mitleidenschaft gezogen.

Wie konnte Netflix der Krise entgehen? Indem das Unternehmen viel Energie in den Aufbau von Redundanz steckte, um selbst bei einem großen Zwischenfall den Betrieb aufrechterhalten zu können. Der Ausfall bei Amazon war gravierend, betraf aber nur eines seiner Rechenzentren in den USA. Das Unternehmen hatte seine Kunden zudem explizit aufgefordert, ihre Architekturen so auszulegen, dass sie eine Unterbrechung des Amazon-Dienstes verkraften. Netflix nahm diese Empfehlung ernst und ging so weit, ein System namens "Chaos Monkey" zu bauen. Aufgabe dieses "digitalen Affen" ist es, automatisch und nach dem Zufallsprinzip wichtige Teile des Serverparks des Unternehmens abzuschalten. Weil Netflix seinen eigenen Chaos-Affen einsetzte, meisterte es auch den Ausfall bei Amazon.

Auch Cloud-Unternehmen selbst lernen allmählich diese Lektion und verbessern die Redundanz und Zuverlässigkeit ihrer Dienste. Jeder Ausfall bei einem größeren Cloud-Anbieter sorgt für viel Aufmerksamkeit, doch insgesamt ist ihre Zuverlässigkeitsstatistik bewundernswert und besser als bei den meisten unternehmenseigenen Rechenzentren: Der Gmail-Dienst von Google zum Beispiel war im Jahr 2010 zu 99,984 Prozent erreichbar, was nur sieben Minuten Ausfall pro Monat entspricht. Nach Schätzungen der IT-Marktforschung Radicati Group ist das 32-mal zuverlässiger als durchschnittliche unternehmenseigene E-Mail-Systeme. Handelssysteme bei Banken müssen noch zuverlässiger sein, für die meisten anderen Verwendungen aber reicht die Leistung der Cloud aus.

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