Was kostet die Zeit?

Fallstudie:

Von Stefan Thomke, Daniela Beyersdorfer und Christina Kestel
Heft 5/2018
Melissa Ya
Fallstudie
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    Im Jahr 1920 führte die Harvard Business School die Case-Study-Methode ein. Dabei beschäftigen sich die Studenten mit konkreten Problemen aus dem Alltag von Unternehmen. Fallstudien gehören heute weltweit zum Standard in der Managerausbildung. In jedem Heft präsentieren wir unseren Lesern einen fiktionalisierten Fall und Lösungsvorschläge von Experten.

Wie wertvolle Schätze lagen die neuesten Prototypen der Uhrenmanufaktur F. Galen auf dem blauen Samt - edel und glänzend. In zwei Wochen sollten sie der Weltöffentlichkeit auf dem Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf präsentiert werden - einer der weltweit bedeutendsten Messen für Uhrmacher. Doch jetzt untersuchten noch drei Männer mit weißen Handschuhen die sieben Modelle. Johann Humboldt, CEO von F. Galen Uhren, betrachtete zusammen mit dem Entwicklungschef Frederik van Laer und Produktchef Guido Reiche die Uhren von allen Seiten und testeten ihre Funktion. Einem Modell widmeten sie sich besonders - der "F. Galen Seconde Sautante". In edles Platin gehüllt, offenbarte die Uhr auf den ersten Blick kaum, welch faszinierende Technik sich unter ihrem Saphirglas verbarg. Die Teams von Reiche und van Laer hatten einen Mechanismus kreiert, der die Uhr zu einem bei Sammlern begehrten Modell aus dem Hause F. Galen machte: Als Hommage an wissenschaftliche Beobachtungsuhren bewegt ein integrierter Sprungmechanismus den Sekundenzeiger in genau 60 Sprüngen pro Minute. Und dieser ist anstelle des üblichen Minutenzeigers auf dem Zifferblatt optisch hervorgehoben.

"Ich liebe diese simple, aber elegante Schönheit!", sagte Johann Humboldt, nachdem er die "Seconde Sautante" wieder aus der Hand gelegt hatte. "Sie ähnelt etwas dem vorherigen Modell ,F. Galen', aber im Innern haben wir alles verändert. Die Sekunden springen tatsächlich, anstatt sich kontinuierlich zu bewegen, was einfach klingt, aber sehr schwierig in der Umsetzung war."

"Ja, die ,Seconde Sautante' ist eine wahre Innovation, eine absolute Neuheit", fügte Entwicklungschef van Laer hinzu und führte noch weitere Features an, die sie einzigartig machten.

Alle Anwesenden waren sich einig, dass dieses Modell auf 100 Stück in Platin limitiert werden sollte. Uneinigkeit bestand jedoch über den Preis. Die Entscheidung darüber sollte heute fallen.

Vor 30 Jahren hätten sich Branchenbeobachter sicher nicht vorstellen können, dass eine Manufaktur aus dem sächsischen Glashütte in dem von den Schweizern dominierten Markt ganz vorn mitspielen würde. Doch heute war F. Galen einer der besten Hersteller von Armbanduhren weltweit. Eine bemerkenswerte Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die seit 1845 bestehende Manufaktur zu DDR-Zeiten nahezu in Vergessenheit geraten war. Damals waren alle Uhrenmarken am traditionellen Uhrenstandort Glashütte in den staatseigenen VEB Glashütter Uhrenbetrieb überführt worden. Erst nach der Deutschen Einheit 1990 belebte der Urenkel des Firmengründers, Friedrich Galen, das Unternehmen wieder: Als F. Galen Uhren GmbH registriert, fing die Manufaktur wieder ganz von vorn an - ohne Firmengebäude, ohne Mitarbeiter und ohne Uhren, nur mit einem Startkapital von 500.000 DM und einer Vision. "Wenn wir herkömmliche Uhren produzieren würden, bekämen wir keinerlei Aufmerksamkeit. Genau wie mein Urgroßvater hatte ich die Spitze im Visier. Und so begannen wir in Glashütte wieder mit der Produktion der weltbesten Uhren", erinnert sich Friedrich Galen.

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