Algorithmus oder Bauchgefühl?

Fallstudie:

Von Jeffrey T. Polzer
Heft 6/2018
Harvard Business Manager
Fallstudie
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    Im Jahr 1920 führte die Harvard Business School die Case-Study-Methode ein. Dabei beschäftigen sich die Studenten mit konkreten Problemen aus dem Alltag von Unternehmen. Fallstudien gehören heute weltweit zum Standard in der Managerausbildung. In jedem Heft präsentieren wir unseren Lesern einen fiktionalisierten Fall und Lösungsvorschläge von Experten.

Aliyah Jones konnte sich kaum auf die Reden zur Verabschiedung ihrer langjährigen Kollegin konzentrieren. Obwohl es sie traurig machte, dass Anne Bank das Unternehmen verließ, beschäftigte sie vor allem die Frage, wer nun ihre Stelle einnehmen sollte.

Als Vice President Vertrieb und Marketing bei Becker-Birnbaum International (BBI), einem globalen Konsumgüterhersteller, war sich Jones im Klaren darüber, dass sie für ihre Abteilung mit einem Portfolio von 34 Produkten einen erfahrenen Marketingdirektor brauchte.

Gemeinsam mit der Personalabteilung hatte sie den Kreis der Kandidaten bereits eingegrenzt. Jetzt gab es zwei Finalisten, die beide aus dem Unternehmen kamen: Molly Ashworth, die in Jones' Team in der Abteilung Reinigungsmittel für das Markenmanagement zuständig war, und Ed Yu, ein Aufsteiger aus der Kosmetikabteilung von BBI.

Jones mochte Molly Ashworth und schätzte ihre Arbeit. Zwei Jahre zuvor hatte Ashworth einen neuen Abonnementdienst für die BBI-Reinigungsprodukte eingeführt, der in den letzten zwei Quartalen stark zugelegt hatte. Bei den Kunden schien der komfortable Service gut anzukommen, und Entwicklungs-, Marketing- und Führungsteams interessierten sich sehr für dieses Modell als Plattform, um neue Angebote zu testen. Jones hatte Ashworth bei der Präsentation und Markteinführung des neuen Dienstes betreut und kannte die Stärken und Schwächen ihres Schützlings sehr genau. Sie war überzeugt, dass Ashworth bereit war, eine neue Herausforderung zu übernehmen.

Doch gleich nachdem die Stelle von Anne Bank ausgeschrieben worden war, war Christine Jenkins, Vice President aus der HR-Abteilung, mit Ed Yus Bewerbungsunterlagen zu ihr gekommen. Genau wie Ashworth war auch Yu direkt nach der Business School zu BBI gekommen und hatte sich schnell als High Potential erwiesen. Auch er konnte eine Erfolgsgeschichte vorweisen: Als Markenmanager in der Kosmetikabteilung hatte er die 20 Jahre alte Produktserie FreshFace für Make-up-Entferner zu neuem Leben erweckt und den Absatz innerhalb von drei Jahren um 60 Prozent erhöht. Ein weiteres Plus aus Jenkins' Sicht: Er war von dem neuen People-Analytics-System der HR-Abteilung, für das sie sich eingesetzt hatte, für den Job empfohlen worden, und zwar mit einer Übereinstimmung von 96 Prozent. Seine Konkurrentin Ashworth war nur auf 83 Prozent gekommen. BBI wollte den Einsatz der Datenanalyse auf die Personalauswahl ausweiten, um damit Entscheidungen über Einstellung, Beförderung und Vergütung von Mitarbeitern besser begründen zu können. Jones freute sich, dass zwei Insider in die engere Wahl gekommen waren - auch sie selbst war innerhalb des Unternehmens aufgestiegen -, doch dadurch fiel ihr die Entscheidung auch schwerer.

Während der COO einen Toast auf die scheidende Anne Bank ausbrachte, ließ Jones noch einmal ihre Bewerbungsgespräche mit Ed Yu und Molly Ashworth Revue passieren.

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