Von Stefan Klaussner und Lene-Marie Fischer
"Yesterday, all my troubles seemed so far away ...", tönte es aus dem Autoradio, als Frank Oldenheim seinen Geländewagen auf dem Firmenparkplatz abstellte. BMW, Porsche, Audi - die Dichte an teuren Autos vor der Zentrale der Bioferment Biberach GmbH war unübersehbar. Das Unternehmen mit dem Schwerpunkt medizinische Biotechnologie beschäftigte viele hoch spezialisierte Wissenschaftler und bezahlte sie überdurchschnittlich. Laborleiter Oldenheim dagegen war vor acht Jahren weniger dem Ruf des Geldes als dem der Heimat gefolgt. Der Biochemiker mit Wurzeln in Schwaben hatte sich nach seiner Promotion an der TU München einen Namen in der Forscherszene gemacht, konnte sich aber nicht vorstellen, seine beiden Töchter auf Dauer in der Großstadt aufzuziehen.
"Guten Morgen, Herr Schrader!", rief er über den Parkplatz seinem Vorgesetzten zu. "Ach, guten Morgen, Herr Oldenheim", erwiderte Johann Schrader und winkte flüchtig. "Wir sehen uns später!" Bei den Kollegen galt Johann Schrader, seit sechs Jahren Geschäftsführer von Bioferment, als eher kühl und gnadenlos sachlich. Doch Oldenheim hatte einen guten Draht zu seinem Chef, der ihm wegen seiner guten Arbeitsergebnisse die neue Abteilung für Medizintechnik anvertraut hatte.
Auf dem Weg zu seinem Büro war Oldenheim in Gedanken noch bei dem anstehenden Zwischenbericht und der dazugehörigen Präsentation, die Schrader Ende der Woche von seinem Team erwartete. Doch als er aus der Kaffeeküche die erregte Stimme einer seiner Wissenschaftlerinnen, Rika Lüneburg, hörte, horchte er auf. "Ich hatte einfach viel mehr erwartet", hörte er sie sagen. "Dafür bin ich nicht aus Berlin in die Provinz gegangen." Oldenheim blieb abrupt stehen, ordnete das Gehörte dann aber einer der Freizeitaktivitäten zu, die Lüneburg und zwei andere seiner wichtigsten Wissenschaftler regelmäßig zusammen unternahmen. Auch bei der Arbeit waren die drei inzwischen zu einem eingeschworenen Team zusammengewachsen.

Nun saß Oldenheim an seinem Rechner und stellte fest, dass er die versprochene Nachricht nicht erhalten hatte. Erneut hielt Bernd Holler einen Termin nicht ein. Ärger stieg in Oldenheim hoch. Er hatte Holler und die anderen Biochemiker des Teams vor zehn Monaten mit modernster Spitzentechnik und optimalen Rahmenbedingungen geködert. Dagegen wirkten die Ausstattungen der Universitäten, in denen sie bis dahin geforscht hatten, wie Steinzeitlabore. Keiner der Umworbenen hatte auch nur einen Moment gezögert, in die schwäbische Provinz zu ziehen. Kein Wunder, schließlich hatte Johann Schrader seinem Laborleiter auch bei den Gehältern freie Hand gelassen: "Akquirieren Sie die Allerbesten! Wir bezahlen 20 Prozent mehr als alle anderen und haben die spannendsten Inhalte. Da kann keiner, der halbwegs bei Verstand ist, absagen."
"Vielleicht war es doch keine so gute Idee, so viele Spitzenforscher auf einmal einzustellen", schoss es Oldenheim durch den Kopf, als er vergeblich seinen E-Mail-Eingangsordner durchsah. Zum Forschen kam momentan keiner der promovierten Wissenschaftler - obwohl er ihnen genau das im Vorstellungsgespräch versprochen hatte. Testuntersuchungen, Protokolle und Berichte nahmen ihre gesamte Zeit in Anspruch. Die ersten hatten sich schon vorsichtig bei ihm beklagt. Oldenheim hatte sie immer auf die Zeit nach der Markteinführung vertröstet. Dass er selbst nicht genau wusste, wann das sein würde, verschwieg er lieber. Ob sich Rika Lüneburgs Bemerkung in der Kaffeeküche vielleicht doch auf den Job bezogen hatte?
Ich bin von der Einschätzung von Frau Zirngibl, die Wissenschaftler seien überfordert, doch überrascht. Der Vorwurf, den Wissenschaftlern würde Verständnis für produkt- und ergebnisorientierte Forschung abgehen ist nicht zu halten, angesichts der Tatsache, dass es ihnen bei ihrem "Jugend forscht"-Experiment darum ging, den Energiebedarf zu reduzieren. Das ist an der Universität relativ irrelevant, angesichts der Maßstäbe, in denen gewöhnlich [...] mehr...