"Gesunde Aggressivität gehört dazu"

Fünf Minuten mit ... Oliver Kahn:

Heft 2/2013

HBM: Herr Kahn, als Ihr herausragendes Merkmal gilt die Willensstärke. Woher nehmen Sie diese Kraft?

Kahn: Schon während meiner Anfänge als Fußballprofi musste ich mich häufig gegen talentiertere Spieler durchsetzen. Deren größeres Talent versuchte ich mit höherem Arbeitsaufwand auszugleichen. Das schult früh den Willen und schärft die Überzeugung, dass Motivation und Hartnäckigkeit, gepaart mit einer positiven Besessenheit, reinem Talent überlegen sein können.

Oliver Kahn: Seit der Fußball-WM 2002 trägt er den Spitznamen "Titan": Der ehemalige deutsche Nationaltorwart gilt als Paradebeispiel für Motivationsstärke und Willenskraft. Kahn wurde dreimal Welttorhüter. Heute arbeitet der 43-Jährige als Fußballexperte beim ZDF. Zudem hat er mit seinem langjährigen Freund und Partner Peter Ruppert das Unternehmen Titaneon Media sowie das Online-Portal Fanorakel gegründet.
Bert Spangemacher

Oliver Kahn: Seit der Fußball-WM 2002 trägt er den Spitznamen "Titan": Der ehemalige deutsche Nationaltorwart gilt als Paradebeispiel für Motivationsstärke und Willenskraft. Kahn wurde dreimal Welttorhüter. Heute arbeitet der 43-Jährige als Fußballexperte beim ZDF. Zudem hat er mit seinem langjährigen Freund und Partner Peter Ruppert das Unternehmen Titaneon Media sowie das Online-Portal Fanorakel gegründet.

HBM: Für Ihre Aggressivität auf dem Platz wurden Sie allerdings oft kritisiert.

Kahn: Da Fußball ein Wettkampf ist, gehört eine gesunde Aggressivität dazu. Ein zu hohes Maß aber drückt häufig eine Form der mentalen und körperlichen Überforderung aus. Erst nach und nach habe ich gelernt, die hohen Anforderungen des Profisports auf sinnvollere Art zu kanalisieren. Durch Reflexion und Analyse von Situationen, in denen ich über das Ziel hinausgeschossen bin, konnte ich solche Überreaktionen schließlich minimieren.

HBM: Sie hatten anfangs die Vision, der beste Torhüter der Welt zu werden. Was trieb Sie an, nachdem Sie das Ziel erreicht hatten?

Kahn: Die fast philosophische Frage, die sich in so einer Situation stellt, ist: Wenn ich auf dem Gipfel angelangt bin, wie kann ich dann noch weiter aufsteigen? Eine mögliche Antwort wäre: indem man sich auf die eigenen Schultern stellt. Das bedeutet im übertragenen Sinn, neue Wege zu gehen, eingetretene Pfade zu verlassen und sich neue Ziele zu setzen. Heute bin ich der Meinung, dass die Orientierung an einer endlichen Vision nicht nur Vorteile mit sich bringt. Wenn man sie verwirklicht, hat man es unheimlich schwer, erneut ein übergreifendes Ziel zu definieren, mit dem man sich total identifiziert. Nach meiner Karriere geht es mir mehr darum, andere Menschen zu stärken und zu inspirieren. Ein solches Ziel kann man das ganze Leben verfolgen.

HBM: Wie sind Sie damit umgegangen, bei Ihrem Traum, der WM 2006 in Deutschland, Ersatzspieler zu sein?

Kahn: Nach einer emotionalen Phase habe ich die Situation mit Vertrauten nüchtern analysiert. Mir wurde klar, dass ich die Herausforderung annehmen wollte. Ich versuchte, die jungen Spieler zu unterstützen und mich ins Team einzubringen. Diese Zeit war einer der härtesten, aber lehrreichsten Abschnitte meiner Karriere. Gerade wenn es gelingt, sich Situationen zu stellen, deren Bewältigung man sich nie zugetraut hätte, besteht die Chance auf persönliche Weiterentwicklung.

HBM: Wie motivieren Sie ein Team, wenn Sie selbst in einer Krise stecken?

Kahn: Ich bin überzeugt, dass man andere Menschen nicht dauerhaft motivieren kann. Menschen können sich nur selbst motivieren. Eine Führungskraft kann aber als Potenzialentfalter fungieren - und Teammitglieder ermutigen, positive Erfahrungen zu machen oder Verantwortung zu übernehmen. Sie muss Begeisterung wecken, damit das Team Ziele mit Leidenschaft angeht. Ich persönlich will mich immer weiterentwickeln. An der Universität Salzburg habe ich 2012 meinen MBA abgeschlossen. Das Studium war genau die richtige Herausforderung. Jetzt möchte ich meine Erfahrung weitergeben und mich für andere einsetzen - etwa über die Oliver-Kahn-Stiftung, die junge Menschen stark machen will.

Mit Oliver Kahn sprach Ingmar Höhmann, Redakteur des Harvard Business Managers.

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