Man kann nicht alles haben

Selbstmanagement:

Von Eric C. Sinoway
Heft 1/2013

Angenommen, ein Unternehmen sucht zwei Mitarbeiter für ein Projekt, mit dem sie sich profilieren können und das eine längere Geschäftsreise erfordert. Wer soll diesen Auftrag übernehmen? Jeder hat seine Verpflichtungen und steht unter Zeitdruck. Da ist zum Beispiel der junge Manager, der sehnsüchtig auf seine nächste Beförderung wartet - aber er möchte seine Frau, sein kleines Kind und seinen neugeborenen Sohn nicht gern allein lassen.

Oder der Nachwuchsstar im Unternehmen - eine Frau, die ohnehin ständig Überstunden macht, nebenher an ihrem MBA arbeitet und gerade ihre Hochzeit plant. Dann gibt es den leitenden Angestellten, der gerade dem Vorstand einer gemeinnützigen Organisation beigetreten ist und die erste Sitzung nicht versäumen möchte. Eine weitere Kandidatin ist die alleinstehende Kollegin, die das Projekt zwar gern übernehmen würde, aber alle Hände voll damit zu tun hat, ihren Vater in einem Pflegeheim unterzubringen. Und schließlich ist da der übergewichtige Mitarbeiter, in dessen Familie viele an Diabetes erkrankt sind und der weiß, dass er für diese Geschäftsreise seine neue Diät und sein Bewegungsprogramm über den Haufen werfen müsste.

Es gibt viele Binsenweisheiten über die Bedeutung der richtigen Work-Life-Balance. Doch sie alle werden der komplexen Situation solcher Mitarbeiter nicht gerecht. Das Streben nach einem sinnvollen, möglichst vielseitigen Leben bringt Entscheidungen mit sich, bei denen es sowohl um kurzfristige taktische Fragen ("Soll ich mich für dieses Projekt melden?") als auch um die langfristige strategische Ausrichtung geht ("Wie muss ich mich positionieren, um beruflich voranzukommen?").

Howard Stevenson ist Unternehmer, Professor, Philanthrop, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Harvard Business Publishing, Ehemann und Vater. Er hat vier Jahrzehnte lang studiert, gelehrt und Führungskräfte beraten. Er vergleicht die Herausforderung damit, auf einem Schwebebalken zu balancieren und dabei mit einem Ei, einem Kristallglas, einem Messer und diversen anderen zerbrechlichen oder gefährlichen Gegenständen zu jonglieren. Je weiter man in seiner Karriere und seinem Leben voranschreitet, desto mehr Verantwortung hat man und umso mehr Chancen bieten sich. Irgendwann muss man etwas fallen lassen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Das Erfolgsrezept besteht darin, bewusst zu entscheiden, worauf man verzichtet, statt sich unwissentlich ausgerechnet vom Wichtigsten zu trennen.

Für leistungsorientierte Menschen ist es schwer zu akzeptieren, dass sie nicht alles haben können. Selbst wenn sie einsehen, dass ihre Zeit begrenzt ist, stellen sie oft zu hohe Erwartungen an sich. Sie halten sich für dynamisch und leistungsstark genug, um in allen Rollen zu brillieren: als produktiver Mitarbeiter, inspirierender Chef und Mentor, hilfsbereiter Kollege, aktives Gemeindemitglied, liebevoller Ehepartner, Freund, Elternteil und Sohn oder Tochter.

Wenn man bedenkt, wie wir erzogen wurden, ist das eine normale Reaktion: Wir haben schon in der Schule gelernt, dass fleißige, intelligente Schüler die Note "Eins" bekommen. Doch in unserer komplizierten realen Welt ist es unmöglich, alles perfekt zu machen. Sie können nicht alle Ihre Ziele zur selben Zeit verfolgen und sich nicht alle Wünsche auf einmal erfüllen (siehe Kasten "Können Sie Ihr Ziel erreichen?") . Wer glaubt, dazu in der Lage zu sein, reibt sich früher oder später seelisch auf. Statt auf kurzfristige Erfolge sollte man sich auf langfristige Ziele konzentrieren - und seine Prioritäten immer wieder überdenken.

Dieser Beitrag liefert eine Orientierungshilfe, die ich zusammen mit Howard Stevenson entwickelt habe. Sie basiert auf seiner Erfahrung als Lehrer und Mentor von Studenten sowie auf den Lektionen, die ich auf meinem beruflichen Weg und als Chef der Firma Axcess Worldwide gelernt habe. Das System soll Menschen - vor allem ehrgeizigen Führungskräften - helfen, ihre Grenzen zu erkennen und die Kompromisse einzugehen, die in ein befriedigenderes berufliches und privates Leben führen.

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Kommentare
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debonoo 31.03.2013

Recht hat der Mann nicht zu vergessen - um den Umstand eines möglichen, vorzeitigen Todes wo dann alles vorbei - und alles verloren ist.. was die Sinnfrage aufwirft...

Unregistriert 04.04.2013

Leistungsdruck
Erwartungshaltung unter diesem Vorzeichen stehn wir. Wobei meines Erachtens nach die größte Problematik datin steckt, dass man zu wissen glaubt welche Erwartungshaltung Andere in einen haben. Man meint, dass immer das Beste erwartet wird. Aber nicht das Beste was man selbst in der Lage ist zu erreichen sondern immer mehr. Da ich dies nicht erreiche, habe ich das Problem vor unerfüllten Aufgaben oder unrreichten Zielen zu stehen. Was wir lernen müssen ist unsere Grenzen richtig einzuschätzen denn wenn ich diese kenne kann ich mir ein realistisches Ziel setzen wie ich etwas mehr als diese Grenze erreichen kann. Und dann stetig versuchen sich zu verbessern ohne sich zu überfordern. Der Irrglaube der Beste zu sein, sein zu müssen oder sein zu wollen ist das wahre Problem.

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