Von Carsten C. Schermuly, Tobias Schröder, Jens Nachtwei und Karl Gläs
Vorweg eine schlechte Nachricht für alle Aus-dem-Bauch-Entscheider und Anhänger des Nasenfaktors: Wer Bewerber vor allem danach auswählt, ob sie sympathisch wirken oder die gleiche Universität besucht haben wie man selbst, gehört bald zu einer aussterbenden Spezies. Die Bedeutung von unstrukturierten Jobinterviews - intuitiv geführten Gesprächen ohne Leitfaden - wird in den kommenden Jahren deutlich sinken. Das ist eines der Ergebnisse unserer empirischen Studie zur Zukunft der Personalauswahl.
Klicken Sie auf ein Bild, um die Fotostrecke zu starten.
Die Delphi-Methode ist ein mehrstufiges Expertenbefragungsverfahren. Dabei bekommen die Teilnehmer der späteren Runden die Ergebnisse der ersten Runden in anonymisierter Form vorgelegt. Durch dieses Vorgehen fallen die kollektiven Einschätzungen in der Regel präziser aus als individuelle Urteile.
Wie wir forschten
Für unsere Studie befragten wir Personalexperten in drei Delphi-Runden. In der ersten antworteten 15 Experten mit mindestens zehn Jahren einschlägiger Berufserfahrung auf qualitative Fragen zur Zukunft der Personalauswahl. Auf Basis ihrer Antworten entwickelten wir sieben Szenarien, wie sich die Personalauswahl bis zum Jahr 2020 entwickeln könnte. Anschließend folgten zwei quantitative Runden, um die qualitativen Ergebnisse abzusichern. An diesen nahmen 217 beziehungsweise 195 Personalexperten mit durchschnittlich neun Jahren Berufserfahrung teil. Diese schätzten ein, wie verbreitet ein Szenario heute ist und im Jahr 2020 sein wird.
Während diese doch recht unprofessionelle Methode bald weniger Anhänger finden wird, sind strukturierte Jobinterviews nach Meinung unserer Experten im Kommen. Dafür setzen Personalentscheider beispielsweise Fragen ein, die auf einem klaren Anforderungsprofil basieren, nutzen verhaltensbasierte Beurteilungsskalen, um Bewerber einzuschätzen, oder stellen allen Kandidaten die gleichen ausgewählten Fragen.
Diese vermeintliche Professionalisierung ist nach meiner Einschätzung eine sehr abstrakte Idee, einer sich immer weiter verbreitenden "HR- Gemeinde". Vor dem Hintergrund, der demografischen Entwicklung braucht es Entscheider mit Werkzeugen aus der Praxis. Menschen (!) mit hochwertigem Fachwissen und guter Menschenkenntnis, die FÜR die eigentlichen Bedarfsträgern in den Unternehmen arbeiten...Menschen suchen Menschen, die etwas von ihrem Business [...] mehr...
Die letzte Hälfte des Satzes stimmt nicht. Seit den Meta-Analysen von Schmidt & Hunter weiß man, dass ACs den Berufserfolg recht gut vorhersagen können, in der Kombination mit (genauer: Einbeziehung von) anderen Verfahren wie Intelligenz- oder Persönlichkeitstests ist die Vorhersagequalität so überzeugend, dass man sich fragen kann, warum Unternehmen überhaupt darauf verzichten und so ein recht hohes Risiko von personellen Fehlentscheidungen [...] mehr...
Leider zeigen unternehmerische und betriebliche Praxis ein anderes Bild. Es hängt immer noch sehr stark von den handelnden Personen auf den oberen Führungsebenen und von der Qualität der HR-Führung ab, ob, und wenn ja, welche eignungsdiagnostischen Verfahren eingesetzt werden (egal ob im Mittelstand oder in Deutschland tätigen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne). Das AC ist kein Allheilmittel, aber im Rahmen eines eignungsdiagnostischen [...] mehr...
Personalauswahl, die häufig (und leider oft auch völlig) unterschätzte Disziplin im Personalwesen. Die Studie und sieben Szenarien zeigen auf, wie Personalauswahl im Jahr 2020 aussieht. Aus meiner Sicht könnten und sollten die Szenarien heute bereits Realität sein, da mit Personalentwicklung Fehler und Nachlässigkeiten bei der Personalauswahl nicht zu korrigieren sind. Eine Erkenntnis, die Laurence J. Peter und Raymond Hull übrigens bereits in ihrem [...] mehr...
Diesne Trend hätte die Studie aber auch schon vor 10 Jahren gezeigt. "Unstrukturierte Interviews" sind selbst in Unternehmen, die üblicherweise in einschlägige Klischeeecken gedrängt werden (z.B. kleiner eigentümergeführter Mittelstand) mindestens schon so lange passé... Assessment-Center werden bereits viel länger als Heilsbringednes Wundermittel propagiert ... und haben bislang keine praxisrelevante Untersuchung auf ihrer Seite. mehr...