RSS Mittwoch, 22. Mai 2013
Text minus plus
13.11.2012

Fallstudie

Wenn der Kunde nicht zahlen will

Von Christine Vallaster

Zwei junge Gründer stecken in der Falle: Seit Monaten arbeiten sie an einem Softwareprojekt für eine Klinik, ihren einzigen großen Kunden. Doch der hält sich nicht an Vereinbarungen. So langsam geht dem Start-up das Geld aus.

Samuel Vogt streckte den Rücken durch und stöhnte. Es knackte ungesund, als er sich zu seinem Kompagnon umdrehte. "Dave, ich habe gerade unsere Kontobewegungen geprüft: Wir haben immer noch kein Geld von der Klinik bekommen."

Erstaunt blinzelte David Schukat in die untergehende Sonne vor dem Bürofenster. Draußen dröhnte der Münchener Feierabendverkehr. Seit Stunden hatte er nicht mehr von seinem Rechner aufgeschaut. "Das gibt's doch nicht. Schon wieder nichts? Aber Herr Liebig hatte uns versprochen, dass er die Zahlungen bald anweisen will."

"Wir arbeiten seit Monaten an dem Projekt, und die tun so, als sei es eine unverbindliche Kiste."

"Wir arbeiten seit Monaten an dem Projekt, und die tun so, als sei es eine unverbindliche Kiste."

© Silke Werzinger
"Ja, das hatte ich auch so verstanden", sagte Samuel Vogt. "Seit sieben Monaten arbeiten wir jetzt für die Hippokrates-Klinik, aber wenn wir darauf hinweisen, wie sehr wir schon in Vorleistung gegangen sind, bekommen wir immer nur schwammige Antworten. So langsam sieht es mau aus auf unserem Firmenkonto. Wir müssen Liebig dringend um eine Vorauszahlung bitten."

Bisher hatte sich Vogt über Geld wenig Gedanken gemacht. Als Informatiker, so fand er, war es vor allem seine Aufgabe, das Kernprodukt des jungen Medizintechnikunternehmens ChangeTreatment zum Laufen zu bringen: das intelligente E-Learning-Programm "ExaminationTrainingLab" (ETL), mit dem Ärzte und Pflegepersonal Patientengespräche und medizinische Untersuchungen trainieren konnten. Es sollte ein simuliertes Mikroskop zum Betrachten histologischer Befunde bieten, außerdem eine Datenbank für medizinische Fallbeispiele.

Vogts Partner Schukat war Ingenieur. Mehr Mitarbeiter hatte das Start-up bislang nicht - nur Vogts Freundin Hannah, eine Biologin, half ab und zu bei den anfallenden Büroarbeiten aus. Weil sie einen gut bezahlten Job in der Pharmaindustrie hatte und das gemeinsame Girokonto regelmäßig füllte, war Vogt nicht aufgefallen, dass Schukat und er ein finanzielles Problem haben könnten. Aber seine Müdigkeit ließ sich nicht so leicht verdrängen.

"Wollten wir nicht eine Hilfskraft fürs Programmieren engagieren? So langsam komme ich an meine Grenzen", sagte Schukat. "Mal wieder Zeit zum Mountainbiken wäre toll. Aber das fällt dann wohl jetzt wieder flach ..."

Statt sich wie früher ab und zu in den Bergen auszutoben, hatten die beiden Freunde in den letzten Monaten nur noch verbissen vor ihren Rechnern gesessen, ihr Programm überarbeitet oder mit Assistenzärzten und Pflegern der Hippokrates-Klinik Regensburg, ihres bislang einzigen großen Kunden, über Details diskutiert. Natürlich wollte die Klinik das Programm gern auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten haben. Damals hatten Vogt und Schukat versprochen, die Änderungen schnell umzusetzen. Aber sie hatten die Schwachstellen des Programms unterschätzt, die nun eine zeitintensive Umprogrammierung erforderten.

"Wir erbringen jetzt schon unglaublich viel Vorarbeit für die Klinik", nahm Samuel Vogt seinen ursprünglichen Gedanken wieder auf. "Da können wir uns unsere Leistung auch bezahlen lassen, vielleicht sogar wirklich mal einen Programmierer einstellen. Wir schaffen das nicht mehr allein."

"Ich fürchte, du hast recht." David Schukat seufzte. "Wir müssen denen klarmachen, dass wir ETL nicht mehr pünktlich übergeben können, wenn nicht bald Geld fließt."

"Genau. Heute ist es schon zu spät für einen Anruf, aber morgen früh werde ich mir Liebig mal vorknöpfen."


FORUM

insgesamt 7 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.01.2013 von MK71: Sehr gelungene Fallstudie

Eine sehr gelungene Fallstudie, die anschaulich die Komplexitaet und Gefahrenpotenziale unternehmerischer Entscheidungen vor Augen fuehrt. Sie macht deutlich, wie Situationen aussehen koennen, in denen selbst langjaehrig erfolgreiche Unternehmer zu vollkommen falschen Entscheidungen kommen koennen oder diese zumindest erwaegen. Der Text kann daher als wertvolle Lektuere sowohl selbstaendigen als auch angestellten Managern sowie Unternehmensberatern und [...] mehr...

28.11.2012 von aschub72: Mit Glück überlebt

Es freut mich zu lesen, dass ChangeTreatment diese fast schon aussichtslose Situation noch gemeistert hat. Oft genug wird einem Start-up eine solche Naivität zum Verhängnis. Aus eigener Erfahrung als Unternehmer kann ich nur unterstreichen wie wichtig es ist, Gründer mit verschiedenen Fähigkeiten im Team zu haben. Da Unternehmensgründer fast immer in die Situation geraten, dass Sie bei guter Auftragslage komplett im operativen Tagesgeschäft [...] mehr...

27.11.2012 von Samuel Vogt: Geschäftsführer von ChangeTreatment

ChangeTreatment heute Frau Vallaster, ich gratuliere Ihnen für den sehr gelungenen Case! Ebenso bin ich beeindruckt von den Ratschlägen der drei Experten und von den Beiträgen der Blog-Teilnehmer. Viele der durch Sie beschriebenen Punkte treffen tatsächlich auf das Unternehmen zu, auf welchem dieser Case basiert. Das Unternehmen musste glücklicherweise nicht liquidiert werden und hat sich seither gut entwickelt. Ich möchte Ihnen in der Folge die [...] mehr...

26.11.2012 von AMC R'weil: Wenn das Pferd tot ist - steig ab!

Wenn das Pferd tot ist - steig ab! Mit diesem Kunden (Einkäufer) ist keine nachhaltig erfolgreiche Geschäftsbeziehung möglich. Da hier offensichtlich eine Anstiftung zur Korruption vorliegt, muss man kein falsches "Lieferanten-Schamgefühl" vorweisen. Jeder Unternehmer braucht gewisse Werte, und hier hört es auf mit lustig... 1. Zuerst würde ich das (klare) Gespräch mit Chefarzt Kurtasch suchen und die gesamten Tatsachen (schriftlich) auf den [...] mehr...

21.11.2012 von MatthiasT: "Murder your darlings..."

....so schwer es auch ist! ...Ich pflichte den Vorkommentaren zu---> GERADE für Jungunternehmer / Junge Unternehmen insgesamt ist es sehr schwierig sich der eigenen Begeisterung beim ersten Großauftrag zu entziehen: zu gut ist der Geschmack des (vermeintlichen) Jagderfolgs,... Hilfreich ist m.E. lediglich eine gute Teamdurchmischung ("..vom Wert der Skeptiker in den eigenen Reihen") und das Beherzigen einer alten [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...
© Harvard Business Manager 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
HBM-Fallstudien

HBM-Editionen

Das Beste aus dem Harvard Business Manager
zu einem Thema




Nach oben