"Konkurrenzdenken ist wichtig"

Fünf Minuten mit ...Bela Karolyi:

Heft 9/2012

HBM: Was macht Sie als Trainer so erfolgreich?

Karolyi: Meine Liebe zum Sport. Und meine Disziplin. Erfolg hängt davon ab, seinen Alltag einem Ziel unterzuordnen, und wie viel man zu opfern bereit ist. Wenn ich von Kindern verlange, dass sie sich 100-prozentig einbringen, muss ich das im Gegenzug auch tun. Ich habe in 36 Jahren keinen einzigen Urlaub mit meiner Ehefrau verbracht, unsere Ferien fanden immer an Orten statt, an denen gerade ein Wettbewerb war oder bald stattfand. Aber wissen Sie was? Das machte uns mit Sicherheit zufriedener als etwa ein Segeltörn viele andere Menschen.

Bela Karolyi: Gemeinsam mit seiner Ehefrau Marta trainierte er zunächst die rumänische Turnermannschaft. Nachdem er in die USA ausgewandert war, brachte er die dortigen Nachwuchsturnerinnen zu Höchstleistungen. Zu seinen Zöglingen gehören mehr als 34 Olympiateilnehmerinnen, neun von ihnen gewannen Gold.
Eric Kayne

Bela Karolyi: Gemeinsam mit seiner Ehefrau Marta trainierte er zunächst die rumänische Turnermannschaft. Nachdem er in die USA ausgewandert war, brachte er die dortigen Nachwuchsturnerinnen zu Höchstleistungen. Zu seinen Zöglingen gehören mehr als 34 Olympiateilnehmerinnen, neun von ihnen gewannen Gold.

HBM: Wie erkennen Sie das Potenzial in einem Athleten?

Karolyi: Als Erstes schaue ich mir die körperlichen Fähigkeiten möglicher Kandidaten an: Wer ist der schnellste? Der stärkste? Der lebendigste? Der wendigste? In der zweiten Runde achte ich auf die mentalen Fähigkeiten, die mindestens genauso wichtig - manchmal sogar wichtiger - sind als der Körper. Damit meine ich Intelligenz, Härte und den Willen, ein diszipliniertes Leben zu führen. Auch Konkurrenzdenken ist wichtig; man erkennt schon sehr früh, ob es Menschen gegeben ist oder nicht. Ich würde nicht sagen, dass man die geistigen Grundlagen nicht verbessern kann - das kann man sehr wohl. Aber diejenigen, die diese Veranlagungen von Geburt an haben, haben einfach einen Startvorteil.

HBM: Und wonach suchen Sie Trainer aus?

Karolyi: Wenn sich jemand für den Job bewirbt, gebe ich ihm meist eine Chance. Ich mache allerdings sehr klare Ansagen und beobachte Kandidaten wie ein Adler bei jedem ihrer Schritte. Es gibt einen genauen Lehrplan, den sie befolgen müssen. Wenn sie das nicht tun, ist das ihr letzter Tag.

HBM: Verändern Sie Ihren Trainerstil, um einen Athleten möglichst individuell und gut zu fördern?

Karolyi: Sogar sehr. In all den Jahren sind mir nur sehr wenige Schüler begegnet, die einem ihrer Vorgänger im Charakter, in ihrem Angang oder in ihrer Persönlichkeit ähnelten. Auch die absoluten Ausnahmetalente waren und sind alle für sich genommen anders. Deswegen muss man jedem Schüler individuell begegnen und herausfinden, wie man ihn am besten fördert und fordert. Nadia Comaneci (eine ehemalige rumänische Turnerin, die bei den Olympischen Spielen 1976 und 1980 fünfmal Gold gewann - Anm. d. Red.) etwa war wie Stahl. Ich hätte ihr gegenüber nie sagen müssen, dass sie sich nicht wie "ein Huhn" verhalten solle, weil es ihr im Leben nicht eingefallen wäre, so aufzutreten. Wenn ich ihr im Wettkampf sagte, dass sie gleich an der Reihe war, sagte sie nur achselzuckend "Ja". Ich habe dann manchmal gefragt, ob sie das wirklich verstanden habe. Sie hat nur genickt und gesagt "Ja."

Kerri Strug (eine amerikanische Turnerin - Anm. d. Red.) war dagegen eines der schüchternsten Mädchen, die ich in meinem Leben getroffen habe - sie brauchte viel Bestätigung und Selbstbewusstsein. Im Wettkampf habe ich immer versucht, sie von allem Stress abzuschirmen, auch was ihre selbstzerstörerischen Gedanken anging. Ihr habe ich deshalb immer nur ganz beiläufig gesagt, dass sie bald dran sei. So in der Art: "Übrigens bist du demnächst dran." Sie brauchen bei jedem Schüler ein völlig anderes Vorgehen.

Mit Bela Karolyi sprach Alison Beard, Redakteurin der "Harvard Business Review".

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