Stolz und Vorurteil

Leseprobe:

Von Gesine Braun
13. Dezember 2012

Es gibt wenige Menschen, die die Gabe besitzen, einem den Spiegel vorzuhalten und dabei trotzdem kein schlechtes Gefühl zu vermitteln. Fons Trompenaars ist so jemand. Der 60-jährige Ökonom und Wissenschaftler aus Amsterdam hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Eigenheiten von Kulturen zu ergründen und Managern auf der ganzen Welt zu helfen, besser über Staats- und Nationalitätsgrenzen hinweg zu kommunizieren. Er ist überzeugt, dass Menschen nicht nur von ihrem direkten Umfeld, sondern auch von ihrer Landeszugehörigkeit maßgeblich beeinflusst und geprägt werden.

Geht das überhaupt noch? Sich in Zeiten der Globalisierung, der sich vielerorts verwischenden Grenzen, multinationalen Konzerne, binationalen Ehen und transnationalen Gemeinschaften mit der Frage zu beschäftigen, ob es so etwas wie eine landesspezifische Art der Unternehmensführung gibt? Ein urdeutsches Unternehmen wie Siemens ist heute in mehr als 190 Ländern vertreten, hat nur noch ein knappes Drittel aller Jobs in Deutschland angesiedelt und mit Peter Löscher einen Vorstandschef, der nicht die deutsche, sondern die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt.

Gerade darin besteht jedoch der Unterschied zwischen Globalisierung und Kolonisierung: Nur weil internationale Kooperationen mittlerweile zum Standardrepertoire von Unternehmern und Politikern gehören, werden aus den Menschen und Märkten in Berlin nicht dieselben wie in Barcelona, genauso wie sich New York noch immer von Neu Delhi unterscheidet. Die Welt ist nicht flacher geworden, sondern vielfältiger. Das macht die Sache komplexer, aber auch spannender. Denn wer Unterschiede akzeptiert, kann viel lernen, über andere, aber vor allem auch über sich selbst.

Dass unsere Heimat den internationalen Vergleich nicht scheuen muss, zeigt ein Blick in die Wirtschaftspresse. Deutschland steht im Fokus - und das weit über die wiederkehrende Kritik an Angela Merkels Europapolitik hinaus. Um nur einige der Artikel der vergangenen Monate zu zitieren: Das britische Wochenmagazin "The Economist", sonst eher weltpolitisch unterwegs, erkor ausgerechnet einen Mittelständler aus Verl bei Gütersloh, die Beckhoff Automation, wegen seines soliden Geschäftsgebarens zum Vorbild für eine neue Wirtschaftswelt ("What Germany offers the world"). Das US-Außenpolitikjournal "Foreign Affairs" staunte über das deutschen Erfolgsmodell ("The Secrets of Germany's success: What Europe's manufacturing powerhouse can teach America"). Und das in Deutschland gescheiterte, aber im amerikanischen Heimatmarkt nach wie vor erfolgreiche Hochglanzreportage-Magazin "Vanity Fair" schickte Michael Lewis, einen US-amerikanischen Starfinanzschreiber, zu Recherchezwecken gleich auf eine mehrtägige Tour durch Deutschland ("It's the economy, Dummkopf"), bei der dieser launig mit Jörg Asmussen, dem damaligen Staatssekretär im Finanzministerium, parlierte, sich über die Übermacht an deutschen Touristen in deutschen Städten wunderte und staunend über die englischen Sprachfertigkeiten der Deutschen ausließ ("The entire population seems to have taken a total-immersion Berlitz course in the last few decades.").

Im Tenor sind sich alle Autoren einig: Deutschland, das Land der Dichter und Denker mit der bewegten, nicht immer ruhmreichen Vergangenheit, hat sich verändert. Heimlich, still und leise hat es sich vom Bremser zum Zugpferd entwickelt, ist vom Sorgenkind zunächst zum Mauerblümchen und dann zum Streber aus der ersten Bank geworden. Und diese Entwicklung kann man keineswegs nur daran festmachen, dass die Landeshauptstadt Berlin Städten wie London und New York unter Partygesichtspunkten den Rang abgelaufen hat.

Anders als in vielen anderen Ländern steht unser AAA-Rating nicht zur Disposition, im Gegenteil, der deutsche Staat kann sich an den Finanzmärkten derzeit Geld zum Nulltarif leihen. Beim jüngsten Ranking des Schweizer World Economic Forum, das Jahr für Jahr in seinem Global Competitiveness Report die Wettbewerbsfähigkeit von mehr als 140 Ländern untersucht, erreichte Deutschland Platz sechs, bezogen auf die Qualität der hiesigen Infrastruktur Platz zwei und im Hinblick auf die Innovationstätigkeit Platz drei. Nach ordentlichem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 2010 (+3,7 Prozent) und 2011 (+3 Prozent) soll nach der vorausgesagten Delle für das laufende Jahr (+1 Prozent) laut Angaben des DIW Berlin bereits im kommenden Jahr wieder eine 2,4-prozentige Steigerung eintreten. Und während viele Nachbarn und Verbündete unter harten Sparauflagen und Einschnitten ächzen, hat die deutsche Exportwirtschaft im Jahr 2011 Waren im Wert von 1,06 Billionen Euro ausgeführt, 11,4 Prozent mehr als 2010 und so viel wie nie zuvor. Bemerkenswert ist auch die Beschäftigungslage, die mit einer Arbeitslosenquote von knapp 7 Prozent besser als vor Jahren ist, aber vor allem wesentlich besser als in Italien oder Spanien.

Fraglos, diese Aufzählung kann sich sehen lassen. Doch kann man diese Positivbilanz auf die deutsche Art zu managen zurückführen? Wir waren neugierig zu erfahren, ob es so etwas wie eine spezifisch deutsche Art der Unternehmensführung gibt. Und da man viel lernen kann, wenn man sich selbst mal aus anderen Perspektiven anschaut, haben wir auf der ganzen Welt mit Forschern und Praktikern, Ökonomen, Psychologen, Personalvermittlern und Business-School-Professoren gesprochen (siehe auch "Umfrage: Der Blick der Anderen"). Wie sehen sie deutsches Management? Welche Qualitäten schätzen sie, wo sehen sie Schwächen? Eine Spurensuche.

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