Von Marco Bertini und John T. Gourville
Die Art und Weise, wie die meisten Unternehmen heutzutage Geld verdienen, ist nicht nur fehlgeleitet, sondern geradezu zerstörerisch. Von Versicherungen und Finanzdienstleistern bis zu Telekommunikationsanbietern und Fluggesellschaften, alle versuchen bei jeder Transaktion herauszuholen, was möglich ist. Zum Beispiel die Fluggesellschaften: Sobald ein Kunde ein Ticket gekauft hat, beginnt ein langsames Ausbluten. Mehr Platz für die Beine? Kostet extra. Ein Gepäckstück aufgeben? Zahlen, bitte. Kopfkissen, etwas zu essen? Hier ist die Rechnung. In der Vergangenheit mag dieser eher konfrontative Ansatz funktioniert haben. Doch die Konsumenten von heute nehmen Preise nicht mehr einfach so hin. Sie suchen und verbreiten Informationen darüber und nutzen soziale Online-Dienste, um sich über in ihren Augen unfaire Praktiken zu beschweren. Und sie zögern nicht, Unternehmen, die es übertrieben haben, den Rücken zuzuwenden.
Die folgenden Beispiele illustrieren die harschen Reaktionen auf unangemessen aggressive Preisentscheidungen von Unternehmen:
Die Herausforderung (und die Chance) für die Unternehmen ist groß: Verbraucher lehnen nicht einfach nur fragwürdige Preise ab, sondern ganz grundsätzlich die Art und Weise, wie Unternehmen Geld verdienen.
Das Problem: Traditionell gehen Unternehmen davon aus, dass der auf einem bestimmten Markt vorhandene Wert fest vorgegeben ist. Also müssen sie mit ihren Kunden darum kämpfen, möglichst viel von diesem Kuchen abzubekommen - was sie sich selbst sichern, geht den Kunden verloren und umgekehrt. Obendrein sind Unternehmen der Ansicht, dass der gesamte Wert eigentlich ihnen zusteht und dass sie deshalb immer so viel verlangen können, wie es der Markt gerade noch zulässt. Preise sind für sie ein reines Optimierungsproblem, die Preisfindung ist mechanisch auf Gewinn ausgerichtet und nutzt routiniert jegliche Schwäche auf Seiten der Kunden aus - Informations- und Verständnisprobleme ebenso wie begrenzte Aufmerksamkeit oder beschränkte Auswahlmöglichkeiten.
Tatsächlich aber entsteht Wert weder durch Unternehmen allein, noch haben sie ein natürliches Anrecht darauf - ohne einen willigen Kunden existiert kein Wert. Aus diesem Grund sollte der Wert zwischen Unternehmen und Kunden geteilt werden. Zudem ist seine Größe keineswegs derart fest vorgegeben, wie viele Unternehmen glauben: Durch Kooperation mit dem Kunden kann der Wert gesteigert werden, zum Beispiel durch geschickte Rabatte, die nicht nur den Umsatz ankurbeln, sondern auch Empfehlungen bewirken, die Marke stärken und die Kundenbindung erhöhen können. Auf diese Weise entsteht "Shared Value". Wie Michael Porter und Mark Kramer in ihrem Beitrag "Die Neuerfindung des Kapitalismus" erklärt haben, geht es dabei nicht darum, "den Wert zu teilen, den Unternehmen bereits geschaffen haben - das wäre eine Umverteilung. Stattdessen besteht das Ziel dieses Konzepts darin, den Gesamtpool an wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wert zu vergrößern."
Die kurzfristigen Vorteile einer aggressiven Preispolitik sind gut dokumentiert. Aber wie die Bank of America, Marks & Spencer, Netflix und noch viele andere feststellen mussten, ist sie oft keine langfristig nachhaltige Strategie. Eine Preispolitik nach dem Shared-Value-Prinzip könnte deshalb zu einer zwingenden Notwendigkeit im Wettbewerb werden.
Einen objektiven 'fairen' Preis gibt es aus meiner Sicht selten. Entscheidend ist, ob der Kunde bereit ist, einen bestimmten Preis für ein Produkt oder eine Leistung zu zahlen. Diese Entscheidung wird meistens emotional getroffen und danach rational eine Begründung gesucht. Deshalb versucht die Werbeindustrie ständig, das angepriesene Produkt mit positiven Gefühlen zu besetzen. Was in vielen Unternehmen unterschätzt wird ist der strategische Faktor von [...] mehr...