Ehret die digitalen Ahnen

Kolumne:

Von Holger Rust
Heft 7/2012

Wir feiern sie als Heroen, Halbgötter gar, verschlingen ihre Biografien und benennen Managementmodelle nach ihnen. Ihre Produkte werden zu Statussymbolen - ja zu Betriebssystemen ganzer Lebensweisen. i-Life. Sie sind es, die unsere Gegenwart prägen, die sogar neue Kulturtechniken in die Alltagszivilisation eingebracht haben: neben rechnen, schreiben, lesen - das Schrubben auf Oberflächen von Mobile Devices. Nun schrubben alle herum, sogar im Fernsehen ist das angekommen: Bilder werden aus den Tiefen eines digitalen Archivs hervorgeholt, mit einer Handbewegung aufgeblasen oder verengt und wieder gefadet oder wie das heißt, und das sieht alles sehr modern aus, versiert und eindrucksvoll. Das Universum ist nur eine Handbewegung weit entfernt. Mitleidvoll betrachten diese Schrubber die, die noch aus der Ära der Tastaturen stammen oder gar steinzeitlich eine Wählscheibe herumwuchteten, um zu telefonieren! Die ihre Musik noch in CD-Regalen stapeln statt in der Cloud.

Nur ist dieses Bild von der analogen Neandertaler-Generation nicht so ganz richtig. Denn es muss schon erlaubt sein, einmal zu fragen, wer das alles möglich gemacht hat, beziehungsweise in diesem Falle: wer alles das vorbereitete, was heute auf einen Wisch globale Welten öffnet und Daten in den Orbit schießt, die nie vergehen. Egal wie lange man schrubbt. Das waren eure Großeltern, ihr Youngsters! Die Typen auf der Nulllinie. Die, die noch keinen Computer gesehen hatten, geschweige denn ein Internet. Die in ihren Köpfen Utopien wälzten, über die alle Big Players damals hämisch grinsten. Da war nichts. Da waren allenfalls ein paar Transistoren und dann die Halbleiter und dann die Idee, dass man das alles auch kleiner machen könnte und so weiter und so fort. Und dann erfand irgendein Journalist vom "San Francisco Chronicle" den Begriff des Microchips. Das war lange vor Apple, Google und Facebook, lange vor diesen Zwergen auf den Schultern von Riesen. Nun gut: Sie haben das zwar alles genial verfeinert und das Netz in jede Lebenslage ausgespannt und die Geschwindigkeit unglaublich erhöht. Aber irgendwie bleiben sie digitale Autisten, denn was sie auch immer an bahnbrechenden Dingen erfinden, findet in der digitalen Welt statt.

Nichts dagegen. Aber versetzen wir uns mal in die Lage, in der die Urahnen dieser Generation sich bewegten, und stellen die Frage für die eigene Zukunft: Was ist das nächste ganz große Ding, das die Welt aus den Angeln hebt und nichts mit dem zu tun hat, was wir in der Gegenwart kennen? Ich meine jetzt nicht, dass man demnächst vielleicht nicht mehr schrubbt, sondern nur noch guckt, und die Dinger machen, was man denkt. Nein: raus aus diesem Pfad, etwas ganz Neues, Gigantisches, Epochales, nie Dagewesenes. So wie damals.

Niemanden fällt was ein? Mir auch nicht.

Und genau das zeigt, was die Opas damals leisteten, als sie sich zunächst noch zaghaft zwischen den Orangenhainen im kalifornischen Santa Ana Valley ihre ersten Lagerhallen mieteten oder den Chevy Impala aus der elterlichen Garage schoben, um darin herumzulöten. Das Gebot gilt: Ehret die Anfänge, die Ahnen, die digitalen Greise. Ohne sie würde heute niemand schrubben.

Holger Rust
Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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