RSS Mittwoch, 19. Juni 2013
Text minus plus
Heft 7/2012: Der große Sprung | 19.06.2012

Leseprobe

Der Erfolgsschock

Von Dorothea Assig und Dorothee Echter

Für die meisten Manager ist Erfolg im Beruf das oberste Ziel. Doch ist die Traumposition erreicht, geraten manche in einen emotionalen Ausnahmezustand. So gehen Sie mit der neuen Situation richtig um und bewähren sich an der Spitze.

Der 27. Februar 2011 war für Colin Firth die Krönung seiner Karriere. In Los Angeles erhielt der britische Schauspieler den Oscar für seine Rolle als stotternder König Georg VI. in "The King's Speech". Ein Augenblick größten Ruhmes für den Mimen, der sich jahrelang mit kleineren Rollen durchgeschlagen hatte. Doch Firths Freude war verhalten, er war nervös, haspelte, war sichtlich aufgewühlt, bemühte sich aber um Contenance. Später am Abend auf einer Feier vergaß er sogar seinen Oscar auf der Toilette. Er bezeichnete die Auszeichnung rückblickend als einen Schock.

Solche Momente größten Erfolgs und größter Irritation kennen nicht nur Künstler - Topmanager erleben ähnliche Anerkennung und öffentliche Aufmerksamkeit, wenn sie in ihre hart erarbeitete Traumposition berufen werden. Anders als ein Künstler wird ein Vorstand oder Aufsichtsrat seine Gefühle im Erfolgsmoment eher verbergen, weil sie immer noch als Zeichen von Schwäche gelten und die Autorität untergraben können. Doch in ihnen brodelt es genauso. Aus unserer über zwei Jahrzehnte langen Beratungsarbeit und der Auswertung der Karrieren von Hunderten unserer Klienten aus dem internationalen Topmanagement wissen wir, dass der Moment des Durchbruchs zugleich mit großer Freude und mit großen psychischen Belastungen verbunden ist. Er wird als ein intimer, oft einsamer, sehr aufwühlender Moment erlebt, den selbst Ehepartner, Kollegen oder Freunde in dieser emotionalen Wucht nicht nachvollziehen können.

Table of power: Konferenztisch bei Banco Santander S. A.

Table of power: Konferenztisch bei Banco Santander S. A.

© Jacqueline Hassink
Mit dieser inneren Dynamik eines Durchbruchs haben wir täglich zu tun. Wir erleben, dass der Umgang mit einem Erfolg ein entscheidender Moment für die weitere Entwicklung der Karriere ist. Wird sie gelingen oder wird sie schwierig? Wird hier ein Lebenswerk geschaffen? Gewinnt jemand durch den Erfolg an Reputation, oder versinkt er oder sie wieder in der Bedeutungslosigkeit? Wir haben systematisch erforscht, wie ein Durchbruch positiv genutzt und langfristig in die eigene Karriere integriert werden kann, und benennen Strategien, die jedem Manager oder jeder Managerin als erste Orientierung im Moment des Schocks dienen können. Als Beispiele für den Umgang mit dem größten Erfolgsmoment führen wir vorwiegend Personen des öffentlichen Lebens (Künstler, Sportler, Politiker) an. Fallbeispiele von Topmanagern haben wir anonymisiert.

Der Ausnahmezustand

Sie alle haben lange auf den Erfolg hingearbeitet und sind dann doch überrascht, wie er sich anfühlt. Lang ersehnte Ereignisse wie zum Beispiel eine Beförderung, das erste Buch auf der Bestsellerliste oder die Berufung in einen wichtigen Aufsichtsrat lösen zunächst Orientierungslosigkeit aus. Das eigene Selbstverständnis war über viele Jahre durch wiederkehrende Prozesse des Kämpfens, der Arbeit, des Verzichts, der Enttäuschung sowie der Besinnung, des Scheiterns und erneuten Lernens geprägt. Das gab Handlungssicherheit im Alltag und Orientierung für die Psyche. Doch im Moment des Erfolgs gibt es nichts mehr zu erkämpfen und zu verfolgen. Stattdessen breitet sich ein Gefühlschaos im Innern aus: Freude, Glück, Angst, Zweifel, Dankbarkeit, Irritation. "Erfolg hat etwas zutiefst Verunsicherndes", sagte Autor Daniel Kehlmann, nachdem sein Buch "Die Vermessung der Welt" 1,4 Millionen Mal verkauft worden war. Aber er beschrieb es auch als "Moment sich erfüllender Sehnsucht".

Manche Beschreibungen klingen wie Berichte von Traumata, und die nachfolgenden Ereignisse erinnern an posttraumatische Störungen. "Es gibt Tage, an denen ich mich fühle, als würde ich aus einem Koma erwachen und erfahren, sechs Jahre seien vergangen, ohne dass ich etwas mitbekommen hätte. Ich kapiere überhaupt nichts." So beschrieb es uns der Vorstandsvorsitzende eines Energiedienstleisters in einem Coachinggespräch. Wir bezeichnen ein solches Erleben als Erfolgsschock, weil es wie ein Schock, manchmal wie ein Trauma erlebt wird. Das Phänomen wurde bisher als Einzelfall beschrieben und nicht als typische Dynamik großer Karrieren.

Der Moment des Durchbruchs versetzt Menschen in einen psychischen Ausnahmezustand, er verändert das Erleben der eigenen Person, Situation, der Zukunftsbilder. Der Alltag verliert seine Vertrautheit und Selbstverständlichkeit. Was Freude machen sollte, wird als Extrembelastung erlebt. Das ist gleichzeitig Bewährungsprobe und Risiko für alle großen Karrieren. Betroffene fragen sich: Bin das ich, der hier durch dieses Firmenportal tritt, diese E-Mail liest? Warum schaut mich der Kollege so an? Gebe ich gerade tatsächlich Bill Gates die Hand? Wer bin ich (noch)?

Der Erfolgsschock ist kein mentales Thema, das intellektuell gelöst werden könnte, sondern ein unvermeidlicher emotionaler Zustand. Menschen können sich nicht auf spätere Gefühle vorbereiten, deshalb wird die Irritation wie ein Kontrollverlust erlebt, und die Manager versuchen, so schnell wie möglich wieder Kontrolle und Sicherheit zu gewinnen. Von außen wirken sie dabei wie ferngesteuert, nicht ganz bei sich. Das Umfeld ist irritiert und zweifelt gar, wenn jemand seinen Erfolg nicht feiert, sondern sich in Arbeit stürzt; nicht dankbar ist, sondern rachsüchtig; nicht entspannt, sondern verkrampft. Nach dem Durchbruch gibt es keine unbedeutenden Gesten mehr, jetzt hat alles Bedeutung.

Zum Weiterlesen können Sie das vollständige PDF-Dokument erwerben.

 
Oder kaufen Sie die digitale Ausgabe mit diesem Beitrag.

 
Zum Blog von Dorothee Echter .

FORUM

insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.10.2012 von kev34: Success like ... Harvard?!

Muss denn das Wort "Harvard" immer nur mit harten Themen im "Erfolg" zusammengebracht werden? ;) mehr...

18.10.2012 von Moderator:

Natürlich ist das ein Business-Modell (auch ein erfolgreiches), aber es passt nicht zu uns. Viele unserer Leser würde das abschrecken (einzelne Wünsche ausgenommen ;-) mehr...

18.10.2012 von kev34: ... Business-Modelle?

wow ... das nenne ich mal eine flotte Antwort :) Ja, vielleicht nicht gerade die Art von Reportagen, jedoch mit Sicherheit Business-Modelle, oder nicht? Mich würde das aufjedenfall zum Reinlesen verführen :-) mehr...

18.10.2012 von Moderator:

Lieber HBM-Leser, das ist sicher vor allem aufgrund der Dimension ein interessantes Thema, doch für uns ist dies keine Branche und Managementkonzept, mit dem wir uns beschäftigen. Andere Medien kommentieren dieses Thema bereits in ausreichender Weise. Beste Grüße, die HBM-Redaktion ! mehr...

18.10.2012 von kev34: Erfolgsschock ... hmhm.... doch nicht ....

So einen "Erfolgsschock", davon kann der YouPorn-Betreiber Fabian Thylmann gerade nur träumen. Der verprasst jetzt seine Milliarden im Tablet- & Smarthone-Markt. Gerne würde ich die Journalisten vom harvardbusinessmanager.de zu dem Thema mal hören, denn anscheinend wurde der von Investoren finanziert welche vom FBI gefahndet wurden. Knapp 400 Millionen Dollar soll in den Internet-Heini investiert worden sein. [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

HBM-Editionen

Das Beste aus dem Harvard Business Manager
zu einem Thema




Nach oben