Wer hat's erfunden?

Kolumne:

Von Holger Rust
Heft 6/2012

Die Zahl der Podiumsdiskussionen um den Innovationsstandort Deutschland beziehungsweise seine vorgeblichen Defizite lässt sich kaum noch abschätzen. Dafür ist allerdings die Zahl der Argumente, die ausgetauscht werden, sehr überschaubar. Und sicher ist, dass eines vorkommt: der Hinweis nämlich, dass vieles von dem, was auf den Märkten Weltgeltung hatte und hat, in Deutschland erfunden wurde, um dann aber von Japanern und Amerikanern optimistisch aufgegriffen und ertragreich produziert zu werden.

Holger Rust
Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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In der Regel folgen erschütternde Beispiele: Kleinbildkamera, Fax und Telefon, MP3-Player, das Tonbandgerät oder der Mischmotor, der sowohl mit Benzin als auch Strom angetrieben werden kann, das PAL-System, die Flüssigkristalltechnologie sowie in neuester Zeit der Transrapid, der nun "in China" eingesetzt ist. Die Liste soll damit beendet werden, vor allem deshalb, weil ich mich nicht erinnern kann, je andere Beispiele gehört zu haben. Vielleicht werden hier und da noch ein paar weitere strapaziert, aber es können nicht viele sein. Immer wieder also die üblichen Exempel. Ein hübscher Trick, die große Bedrohungskulisse zu errichten, die hinter dem Drama "Umsetzungsschwäche" aufragt.

Einige Fragen wären allerdings zu stellen, die diesem Podiumsdiskussionen-Ritual einen unterhaltsameren Akzent verleihen könnten: Erstens nämlich und in der üblichen Art einer befriedigenden Retourkutsche sollte man mit nicht allzu arrogant gerunzelter Stirn die Frage stellen: Wie viele Erfindungen aus dem Ausland sind nicht dort, sondern in Deutschland zur Marktreife gebracht worden? Das wäre doch mal eine Abwechslung. Und wenn die Antwort so ausfiele, dass es nur ganz wenige sind, kann man sich schon Gedanken machen, ob denen in der Vergangenheit so wenig eingefallen ist.

Doch mag das vielleicht als Hochmut missverstanden werden, daher ist die zweite Frage wichtiger, für die ich zurzeit Beispiele sammele (und zwar ohne dass ein Ende absehbar wäre): Was ist denn eigentlich alles in Deutschland erfunden worden und wird auch hier gewinnbringend produziert? Im Maschinenbau, der Chemie, der Pharmazie, der Werkstofftechnik, auf dem Gebiet der Prozesstechnik, auf dem Agrarsektor, in der Lebensmittelindustrie, der Ökologie und tausend anderen Spezialbereichen?

Schon die Aufzählung bringt Stimmung in das Ritual, wenn auch nicht immer gute. Vor allem wenn man das Auto erwähnt und ein Österreicher mit von der Partie ist. Denn es gehört offensichtlich zur kulturpolitischen Verpflichtung für jeden unserer geschätzten Nachbarn, darauf hinzuweisen, dass eigentlich ein Österreicher namens Siegfried Marcus das Auto erfunden habe. Dem sollte man nicht widersprechen, denn es ist ein wunderbarer Beleg dafür, dass die Deutschen mindestens ebenso gewandt in der Umsetzung andernorts erfundener Technologien wären, wie man es den Ausländern mit deutschen Erfindungen andichtet. Das würde auch das lähmende Ritual beenden. Das Problem bei der Sache ist allerdings, dass man auf einen schönen Streit verzichten müsste, der noch mehr Stimmung in die Diskussion bringt.

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Kommentare
2
Unregistriert 24.04.2013

Benz hat das Automobil erfunden, nicht Siegfried Marcus.
Bitte mal Wikipedia zu Siegfried Marcus nachlesen: "... Hans Seper hat Ende der 1960er Jahre begonnen, das Marcusthema quellenkritisch aufzuarbeiten und damit das Scheinbild von der Erfindung des Automobils durch Siegfried Marcus zerstört. Jüngere Forschungen von Grössing, Bürbaumer, Hardenberg und anderen haben Seper bestätigt...." Und zu erwähnen ist: Hans Seper ist in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und erst im Alter von 21 Jahren nach Wien gezogen. Würde ich also nicht unbedingt als Österreicher bezeichnen Wr hat's also erfundn? :-)

maennleinlaufen 12.03.2014

optional
Ich finde solche Diskussionen sehr amüsant, bergen sie doch das Prinzip der Endlosigkeit in sich. Man wird immer jemanden finden, der noch früher dran war, je weiter man in die Vergangenheit schaut und je mehr man das betrachtete Objekt abstrahiert. Letztlich basieren Erfindungen doch auf der Gesamtheit der Erfahrungen der Vergangenheit und bestehen in einer geschickten, z.T. noch nicht dagewesenen Kombination dessen. Weiterhin unterscheiden wir ja bewußt in Invention und Innovation und meinen damit die erfolgreiche um- oder Durchsetzung. Hier entscheidet schlichtweg der Markt, wessen Erfindung sich durchsetzt - und er tut das nicht aus der Basis wissenschaftlich nachgewiesener Methoden. Bleibt am Ende, dass er´s zwar erfunden hat, aber nicht erfolgreich damit war. Stellt sich dann die Frage, worin der Nutzen dieser Erkenntnis liegt - und ob sich der Weltenlauf von "Wer hat´s erfunden" Behauptungen leiten läßt, oder ob es der Welt schlichtweg völlig egal ist - Hauptsache es ist nützlich, erschwinglich und vor allem: es funktioniert! Nach Naschen vom Baum der Erkenntnis verreist (lol)

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