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Heft 6/2012: Teamwork 2.0 | 09.10.2012

Leseprobe

Das Ende der Ideologien

Von Roger Martin und Alison Kemper

Die einen fordern Selbstbeschränkung und neue Gesetze, um die Umwelt zu retten. Die anderen setzen auf Innovationen und die Kräfte des Marktes. Doch beide Haltungen schließen sich nicht aus - im Gegenteil: Manager sollten sich für eine Synthese beider Philosophien einsetzen.

Bei der Rettung unseres Planeten spielen Unternehmen eine wichtige Rolle. Sie sind der Motor der entwickelten Volkswirtschaften, die einen überproportionalen Anteil der nicht erneuerbaren Ressourcen dieser Erde verschlingen und einen unverhältnismäßig großen Teil der weltweiten Emissionen produzieren. Gleichzeitig schaffen Firmen aber auch Innovationen, die Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung verringern. Da sie Umweltprobleme sowohl verursachen als auch lösen, stehen die Unternehmen zwangsläufig bei den Debatten zur Nachhaltigkeit im Mittelpunkt.

Ist Wachstum böse oder der Schlüssel zu mehr Innovation? Roger Martin, Dekan der Universität in Toronto, fordert ein Ende des Schubladendenkens und will scheinbar Widersprüchliches vereinen.

Ist Wachstum böse oder der Schlüssel zu mehr Innovation? Roger Martin, Dekan der Universität in Toronto, fordert ein Ende des Schubladendenkens und will scheinbar Widersprüchliches vereinen.

© Serge Seidlitz
Aber welchen konkreten Beitrag können Manager leisten? Einer Argumentationslinie zufolge sollen wir die Umwelt durch Selbstbeschränkung und Verantwortungsbewusstsein retten: Konsumenten und Firmen müssen aus den Ressourcen, die sie verbrauchen, mehr machen, ihren Müll effizienter recyceln und verwerten und ihren Konsumhunger zügeln. Kurzum, sie müssen mit Ressourcen, da diese begrenzt sind, schonend umgehen - eine Auffassung, die unmittelbar an die traditionelle Tugend der Mäßigung appelliert. Am deutlichsten kam diese Weltsicht vielleicht in den Schriften von Thomas Malthus zum Ausdruck, einem britischen Ökonom des 19. Jahrhunderts. Er hatte angesichts des damaligen Bevölkerungswachstums die Befürchtung, der Planet könne sich früher oder später nicht mehr selbst ernähren.
6 Fotos Das Ende der Ideologien: Thomas Malthus

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Die malthusianische Sichtweise hat zwar großen Einfluss auf Wähler und Politiker, ist aber keineswegs unumstritten. Eine andere Argumentationslinie besagt, ausgehend von den Arbeiten des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Robert Solow, dass sich Umweltprobleme und andere Herausforderungen immer mithilfe des menschlichen Erfindergeistes lösen lassen. Diese Haltung appelliert an unseren angeborenen Optimismus; auf sie berufen sich viele, die Deregulierung und Förderung des Wachstums fordern.

6 Fotos Das Ende der Ideologien: Robert Solow

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Warum sich diese beiden Philosophien nicht sonderlich gut miteinander vertragen, ist unschwer zu erkennen. Wenn wir allerdings wirklich die Umweltprobleme der Welt lösen wollen, werden wir beide nutzen müssen.

Malthus: Wir müssen verzichten

Malthus' Ausgangsthese lautet: Wenn die Weltbevölkerung schneller wächst als die Fähigkeit des Planeten, Nahrungsmittel und anderes zum Leben Notwendiges hervorzubringen, steigen die Kosten für diese Güter. Zugleich sinken die Löhne, weil mehr Menschen als Arbeitsplätze vorhanden sein werden. Früher oder später werden wir uns keine Kinder mehr leisten können und folglich keinen Nachwuchs mehr haben. Ein plötzlicher Bevölkerungskollaps wäre die Folge.

Als Malthus vor 200 Jahren diese apokalyptische Theorie formulierte, wurde er zum Mittelpunkt intellektueller Debatten (siehe Fotostrecke: Thomas Malthus). Seine düstere Sicht der Dinge löste ein heftiges Für und Wider mit schlagkräftigen Argumenten aus. Unter anderem haben diese Thesen die "Corn Laws" mitgeprägt - die britischen Getreidegesetze, die mithilfe von Einfuhrzöllen gegen billige Importe aus dem Ausland ankämpften. Malthus war zudem bekanntermaßen eine der vielen Inspirationsquellen für Charles Darwin (den Entdecker der Evolutionstheorie - Anm. d. Red.). Allerdings verfasste Malthus seine Schriften vor der Mechanisierung der Landwirtschaft, als zum Beispiel noch 90 Prozent der Amerikaner Bauern waren. Für seine These war von zentraler Bedeutung, dass die landwirtschaftliche Produktion linear zunimmt. Doch sie veränderte sich auf dramatische Art und Weise und wuchs exponentiell, als sich der amerikanische Doppelkontinent, Neuseeland und Australien für die Agrarwirtschaft öffneten und sie anschließend immer weiter mechanisierten. In der Folge erlebten sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft atemberaubende Produktivitätszuwächse. Malthus schien ganz und gar falsch gelegen zu haben. Alfred Marshall (1842-1924), der in Großbritannien tonangebende Ökonom seiner Zeit, setzte im Gegensatz zu ihm die Auffassung durch, dass Produktivitätssteigerungen ein entscheidendes Kennzeichen wirtschaftlicher Leistung seien. Ganze Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern machten sich daran, sie zu analysieren.

Vor 40 Jahren stand Malthus' Gedankengut für kurze Zeit noch einmal im Zentrum öffentlicher Diskussionen. Damals warnten Paul Ehrlich ("Die Bevölkerungsbombe", 1968), der Club of Rome ("Die Grenzen des Wachstums", 1972) sowie William D. Nordhaus und James Tobin ("Is Growth Obsolete?", 1972) allesamt in plastischen und eindringlichen Worten davor, dass das herkömmliche Wirtschaftswachstum in Kürze die Welt ruinieren werde. Einmal mehr schienen die weiteren Ereignisse darauf hinzudeuten, dass die Warnungen fehl am Platze waren: Die Energie- und Rohstoffpreise fielen, Deregulierung sorgte für intensiveren Wettbewerb und die damit verbundenen Vorteile, die technologische Revolution schuf neue Chancen und steigerte die Produktivität. Inzwischen nimmt aber wieder die Besorgnis über die Umweltzerstörung zu; der von Malthus geäußerte Gedanke, dass wir uns unaufhaltsam auf unsere Selbstvernichtung zubewegen, rückt wieder ins Zentrum der öffentlichen Diskussion und heizt die Debatte an, welche Rolle den Unternehmen bei der Lösung drängender globaler Probleme zukommt.

Der moderne Malthusianismus geht weit über die Ernährungsfrage hinaus: Je mehr wir unsere Fähigkeit zur Herstellung von Waren perfektionieren, umso billiger wird es, diese Dinge zu verbrauchen, und umso schneller vermehren wir uns und zehren die Ressourcen dieses Planeten auf. Viele fürchten, dass das Wirtschaftswachstum zulasten der natürlichen Ressourcen dieser Welt geht - Erdöl, Fisch, saubere Luft, reines Wasser, die Wälder mit ihrer Fähigkeit, Kohlendioxid zu absorbieren. Unser Wirtschaften zehrt nicht nur die nicht erneuerbaren Ressourcen auf, sondern beschädigt auch das Ökosystem und begünstigt ein immer schnelleres Bevölkerungswachstum. Mit anderen Worten: Wir bewegen uns stetig auf eine metaphorische Mauer zu, die da draußen in der Ferne auf uns lauert. Jahr für Jahr kommen wir ihr näher, bis wir irgendwann gegen die Mauer prallen - mit verheerenden Folgen wie Naturkatastrophen, Seuchen, Hunger und Tod. Die einzig mögliche Rettung: Wir müssen den Fortschritt verlangsamen.

Dieses Leitmotiv beherrscht unsere Zeit. In einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Welt ist ein guter Bürger derjenige, der sich einschränkt, der wiederverwendet und recycelt. Ein gutes Unternehmen sollte sich ebenfalls einschränken, das Tempo drosseln und mit Ressourcen sparsam umgehen. Damit es im positiven Bereich des malthusianischen Szenarios bleibt, sollte es aufhören, das vorhandene Naturkapital zu verbrauchen und nachteilige externe Effekte wie Schadstoffe, Kohlendioxid und Müll zu produzieren. Es sollte seinem Wachstum von sich aus Grenzen setzen, um einen größeren Kampf zu gewinnen - den Kampf für den Planeten. Vom Staat erwarten wir, dass er diese Selbstbeschränkung fördert oder sogar erzwingt.

Zu den Autoren

Roger Martin ist Dekan der Rotman School of Management der University of Toronto, Direktor des Michael Lee-Chin Family Institute for Corporate Citizenship und erfolgreicher Buchautor.

Alison Kemper ist Doktorandin an der Rotman School, lehrt an der York University in Toronto und ist leitende Wissenschaftlerin am Lee-Chin Institute.

Blättern: Teil 1 / 2

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