Der erfundene Experte

Kolumne:

Von Holger Rust
Heft 5/2012

In der letzten Zeit muss ich häufiger an Dr. Myron L. Fox denken. Der Grund ist das geradezu inflationäre Auftreten von Experten, die allesamt tief begründete Ansichten zum Besten geben, zum Rettungsschirm im Allgemeinen, zu Euro-Bonds im Speziellen, Pro die einen, Kontra die anderen und dann wieder umgekehrt. Es gibt kraftvolle Analysen zu Inflation und Deflation und zu jedem erdenklichen wirtschaftspolitischen Thema zwischen Energiewende, überhitzter oder durch Abkühlung bedrohter Konjunktur in China oder globalem Klimawandel. Und föhnfrisierte Nachwuchsphilosophen erklären kurzerhand mal eben die Welt. Alle reden mit der Inbrunst tiefer Kenntnis vor allem in ungezählten Talkshows, aber auch auf Bühnen und an Rednerpulten vor einem jedes Mal wieder überzeugten Publikum. Nun soll hier kein Zweifel an der Kompetenz einzelner Aussagen genährt werden. Nur unterm Strich, alles zusammengenommen, entsteht in dieser Kakofonie ein ziemlicher Unsinn.

Deshalb kommen mir Dr. Fox und sein Publikum in den Sinn, das er in einem beeindruckenden Vortrag 1970 begeisterte. Das Thema war ein wenig speziell: Die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten. Fox, so informierte das Programm, gelte als Autorität auf dem Gebiet der Anwendung von Mathematik auf menschliches Verhalten. So hielt er also seinen Vortrag vor Teilnehmern des Weiterbildungsprogramms der University of Southern California School of Medicine, also vor fachlich gebildeten Leuten. Die waren durchweg zufrieden bis inspiriert, manche meinten sogar, das wäre ganz toll gewesen und sie hätten sowieso schon einige Schriften von Dr. Fox gelesen.

Das nun konnte nicht sein. Denn Dr. Fox war Schauspieler, engagiert von drei pfiffigen Psychologen mit den Namen Frank Donnelly, Donald Naftulin und John Ware. Sie hatten ihm den Auftrag gegeben, eine Rede zu halten, die keinen Sinn ergeben durfte. In der Diskussion danach sollten Fragen dann derart konfus beantwortet werden, dass auch hier nachweislich kein Sinn entstehen konnte. Wie man liest, war es ein ziemliches Stück Arbeit. Immer wieder rutschten dem armen Schauspieler klare Sätze ins Konzept. Aber am Ende war er so weit: Keine Spur von Sinn trübte mehr den Vortrag über die Spieltheorie. Was überzeugte, waren der Auftritt, die gespielte Kompetenz, die keinen Zweifel aufkeimen lassende professionelle Präsenz, die Lässigkeit, mit der Fox zur Fragerunde schließlich sein Jackett auszog, die Körperhaltung bei der Beantwortung der Fragen und natürlich der Glaube an die Autorität der als Autorität vorgestellten Person.

Mit anderen Worten: Dr. Myron L. Fox war ein Experte. Zwar nicht für das, was er sagte, dafür aber, wie er es sagte.

Wenn Sie sich, verehrte Leserinnen und Leser, ein Bild machen wollen, schauen Sie sich dieses Kabinettstück an unter http://ecclesiastes911.net/dr_fox/ video.html. Vielleicht hilft es, das rhetorische Sensorium für solche Momente zu schulen, in denen man mal wieder einem von diesen Experten gegenübersteht, die einen irgendwie in den Bann ziehen, aber doch das Gefühl zurücklassen, es sei vielleicht nicht alles, und manchmal, es sei gar nichts gesagt.

Holger Rust
Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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Kommentare
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mayconsult 08.01.2013

Expertitis ist ansteckend
Sachverständige Experten sind zur Beurteilung von Sachverhalten unbedingt notwendig. Problematisch wird es immer dann, wenn Experten einer bestimmten Denkhaltung angehören (z.b. Keynesianer vs. Monetaristen) oder aber letztlich von fremden Interessen getriebene Meinungen vertreten. Dann sind diese Expertenmeinungen nicht mehr viel wert. Das kann man etwa in der Politik beobachten. Wie sagt Wikipedia zum 'Beweis durch Wiederholung' so schön "Als ad nauseam bezeichnet man auch den Argumentationsfehler, nachdem eine Behauptung solange – auch von verschiedenen Leuten – wiederholt wird, bis sie als wahr akzeptiert wird, ohne dass jedoch ein Beweis geführt wurde, der die Behauptung bestätigen würde." In der heutigen Zeit gehört der Begriff Experte auch zur eigenen Positionierung dazu. Wenn man kein echter oder vermeintlicher Experte ist, wird man eben auch nicht gefragt. Gefragt werden streichelt aber das Ego ungemein. Hier noch ein schöner Beitrag aus der Spieltheorie: "Wieso trägt man Anzug mit Krawatte?". Dieser ist übrigens ernst gemeint (Quelle: www.spieltheorie.de) http://www.spieltheorie.de/Spieltheorie_Anwendungen/anzug.htm Michael May

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