Von Michael E. Porter und Jan W. Rivkin
2. Teil: Wettbewerbsfähigkeit ist kein Nullsummenspiel
Die Wettbewerbsfähigkeit einer Nation hängt stark von ihrer langfristigen Produktivität ab. Das ist der Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen, der pro Einheit Arbeitskraft, Kapital und natürlicher Ressourcen geschaffen wird. Unternehmen können in einem Land nur erfolgreich operieren und steigende Löhne für die Einwohner erwirtschaften, wenn sie die eingesetzten Ressourcen immer besser in wertvolle Güter und Dienstleistungen verwandeln können. Das zentrale Ziel der Wirtschaftspolitik muss die langfristige Produktivitätssteigerung sein. Das erfordert wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die kontinuierliche Innovationen von Produkten, Prozessen und des Managements fördern.
Die Produktivität durch Entlassungen kurzfristig zu steigern, wie das viele amerikanische Unternehmen zu Beginn der großen Rezession 2008 praktizierten, zeugt nicht von Wettbewerbsfähigkeit, sondern von Schwäche. Eine Gesellschaft, in der viele Menschen im arbeitsfähigen Alter keinen Arbeitsplatz haben oder nicht einmal nach einem suchen, kann zwar kurzfristig eine hohe Produktivität aufweisen. In Wirklichkeit hat sie jedoch grundlegende Defizite bei der Fähigkeit zu konkurrieren. Die wahre Wettbewerbsfähigkeit einer Nation zeigt sich durch ihr Vermögen, einen hohen Ertrag pro arbeitsfähige Person zu generieren - und nicht pro tatsächlich erwerbstätige Person. Die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ist aber nicht gleichzusetzen mit der Schaffung von Arbeitsplätzen. Politiker können die Beschäftigungslage kurzfristig verbessern, indem sie künstliche Nachfrage für arbeitsintensive regionale Branchen wie die Bauindustrie schaffen, die nicht dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. Das Schaffen von Arbeitsplätzen, ohne die Produktivität zu steigern, führt nicht zu einer nachhaltigen Beschäftigung, die den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht. Die USA dürfen nicht die Schaffung von Arbeitsplätzen als alleiniges Ziel definieren. Amerika muss sich darauf konzentrieren, ein produktiverer Standort zu werden, was im Inland das Wachstum gut bezahlter Arbeitsplätze ankurbelt, ausländische Investitionen anzieht und eine nachhaltige Nachfragesteigerung nach heimischen Gütern und Dienstleistungen bewirkt (siehe Grafik "Sinkende Marktanteile").
Auch die Maßnahmen der Regierung, die Nachfrage zu fördern, sind nicht gleichbedeutend mit der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. In der Regel spielen die Regierungen eine wichtige Rolle dabei, die Auswirkungen von Rezessionen abzufedern, indem sie ihre Ausgaben vorübergehend erhöhen. Solche Maßnahmen können den Lebensstandard und die Betriebsergebnisse kurzfristig aufrechterhalten. Aber in der Regel verbessern sie nicht die grundlegenden Voraussetzungen für die Produktivität und deshalb können sie den Lebensstandard und die Betriebsergebnisse nicht langfristig verbessern.
Wettbewerbsfähigkeit ist kein Nullsummenspiel, in dem ein Land nur Fortschritte auf Kosten von anderen machen kann. Die langfristige Produktivität und damit der Lebensstandard können in vielen Ländern gleichzeitig besser werden. Der globale Wettbewerb ist kein Kampf um eine bestehende feste Nachfragemenge. Vielmehr gibt es weltweit das Bedürfnis nach einem höheren Lebensstandard - und es gilt, es zu befriedigen. Produktivitätsverbesserungen in einem Land schaffen neue Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, die Unternehmen in anderen Ländern nutzen können. Eine größere Produktivität in Indien kann dort zum Beispiel zu höheren Löhnen und Gewinnen führen, die die Nachfrage nach Pharmaprodukten aus New Jersey und Software aus dem Silicon Valley steigern. Die Verbreitung von Innovationen und Verbesserungen der Produktivität ermöglichen das Wachstum des globalen Wohlstands.
Weil die Weltwirtschaft kein Nullsummenspiel ist, ist der Rückgang der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit nicht nur für die USA ein Problem. Die Weltwirtschaft verschlechtert sich, wenn ihre größte Volkswirtschaft schwächelt, kein Motor für Innovationen ist und ihren Einfluss auf die Gestaltung eines fairen und offenen globalen Handelssystems verliert.