Von Holger Rust
Deutschland - Republik der Jammerlappen! Jedenfalls wenn man den Diagnosen der selbst ernannten Experten folgt, jener Gurus, Talkshow-Psychologen und Ökonomie-Kommentatoren, die mit zerfurchter Stirn eine Bedrohungskulisse aus Zukunftspessimismus, ja "Apokalyptizismus" und "Alarmismus" errichten, immer verbunden mit der Aufforderung, endlich das Jammern zu beenden und "es" anzupacken. Nun gibt es ein Problem bei dieser Geschichte: Denn bei Licht betrachtet, sind eigentlich die Einzigen, die ständig herumjammern, genau die, die über die vermeintliche Jammerkultur jammern. Alle anderen haben gar keine Zeit dazu, gerade weil sie, um im Jargon zu bleiben, "es" anpacken: Sie arbeiten. Bewältigen eine Krise nach der anderen, die von 2001 zum Beispiel, auch die von 2008, und gehen jetzt kraftvoll die Herausforderungen der kommenden Jahre an. Was aber Epigonen in diesem Geschäft mit der Angst nicht hindert, an der These von der Jammerkultur weiterzustricken. Und immer wieder blubbert ein Wortpaar in dieser Diskussion hoch: German Angst - stets verbunden mit dem Hinweis, man solle sich ein Beispiel an Amerika nehmen.
Bis heute geht's so weiter und erfasst sogar die unschuldigen Kleinigkeiten des Alltags. Bestellen Sie mal dieses Heißgetränk, das man drüben coffee nennt. Ein Herzleiden kriegt man davon ganz sicher nicht. Eher von den Warnungen auf dem Styroporbehältnis, in dem es serviert wird - mit Plastikdeckel natürlich, auf dem jede Menge Regeln aufgedruckt sind. Darunter: Be cautious, may be hot. Und: Please sip here. Kein Kofferraum, in dem drinnen nicht steht, man solle bitte den Kopf zurückziehen, bevor man die Klappe schließt, keine Treppe, kein Lift, kein Park ohne verborgene Bedrohungen.
Und ich bin sicher, dass die US-Astronauten, die 1969 auf dem Mond jenen großen Schritt für die Menschheit taten, über dem Ausgang ihrer Raumfähre das überall in den USA verbreitete Schildchen sahen: Watch your step.
