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zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2012, 07:49 Uhr
Heft 4/2012: Glücklich im Job

Forschung

Dem Glück auf der Spur

Von Matthew Killingsworth

Mithilfe moderner Technik lässt sich das Glücksempfinden präzise messen und analysieren. Die Ergebnisse zeigen, welche Erlebnisse Menschen das meiste Glück schenken.

Man sollte meinen, dass wir ganz einfach herausfinden können, was uns glücklich macht. Aber noch bis vor Kurzem waren Wissenschaftler dabei hauptsächlich auf Berichte angewiesen, in denen Menschen ihre durchschnittliche emotionale Verfassung über einen langen Zeitraum hinweg beschrieben. Außerdem konnten sie auf einfach zu ermittelnde Glücksindikatoren zurückgreifen, wie beispielsweise demografische Variablen. Wir wissen deshalb, dass verheiratete oder wohlhabende Menschen im Durchschnitt glücklicher sind als unverheiratete und weniger gut situierte. Aber warum machen uns Ehe und Geld eigentlich so glücklich?

Wenn man sein Augenmerk auf den durchschnittlichen Gemütszustand eines Menschen richtet, entgehen einem kurzfristige Schwankungen in seinem Glücksempfinden, und daher verstehen wir die Ursachen solcher Fluktuationen nicht so genau. Wie wirken sich zum Beispiel die verschiedenen Umstände und Ereignisse eines bestimmten Tages auf das Glück eines Menschen aus?

Dank der Erfindung des Smartphones kommen wir der Beantwortung solcher Fragen allmählich näher. Für ein aktuelles Forschungsprojekt namens "Track Your Happiness" habe ich mehr als 15.000 Probanden in 83 Ländern rekrutiert, die mir ihre Gemütszustände in den jeweiligen Situationen beschreiben, und zwar mithilfe der Geräte, die sie tagtäglich mit sich herumtragen. Ich habe eine iPhone-Web-Application entwickelt, mit der die Nutzer in willkürlichen Zeitabständen befragt werden: Sie sollen beantworten, in welcher Stimmung sie sind (dazu schieben sie einen Knopf auf einer Skala entlang, die von "sehr schlecht" bis "sehr gut" reicht), und was sie gerade tun (sie können zwischen 22 Optionen wählen wie beispielsweise ins Büro fahren, arbeiten, körperliche Aktivität und essen). Außerdem werden noch andere Faktoren wie Produktivitätsgrad, Umgebung, Dauer und Qualität des Schlafs und soziale Interaktionen abgefragt. Seit dem Jahr 2009 habe ich auf diese Weise über eine halbe Million Daten gesammelt - damit ist dieses Forschungsprojekt meines Wissens die erste groß angelegte Studie zum Thema Glück im Alltag (siehe Fotostrecke und www.trackyourhappiness.org).

Tagträume vermeiden

Eine wichtige Erkenntnis des Projekts ist, dass Menschen fast 50 Prozent der Zeit gedanklich von ihrer eigentlichen Tätigkeit abschweifen; und das scheint sich negativ auf ihre Stimmung auszuwirken. Zwischendurch an unangenehme oder einfach nur neutrale Themen zu denken geht mit einem deutlichen Absinken des Glücksempfindens einher; Abschweifen zu angenehmen Themen wirkt sich dagegen weder positiv noch negativ auf die Stimmung aus. Die Zeitdauer dieses Abschweifens variiert sehr stark und hängt von der jeweiligen Aktivität ab: von ungefähr 60 Prozent der Zeit bei der Fahrt zur Arbeit bis hin zu 30 Prozent, wenn man sich mit jemandem unterhält oder spielt, und 10 Prozent beim Sex. Doch unabhängig davon, was die Leute gerade tun, sind sie beim Umherschweifen ihrer Gedanken viel weniger glücklich als in konzentriertem Zustand.

Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir, um unser emotionales Wohlbefinden zu optimieren, nicht nur darauf achten sollten, was unser Körper gerade tut, sondern uns mindestens ebenso sehr darum kümmern sollten, wo unsere Gedanken sind. Doch die meisten Menschen berücksichtigen ihre Gedanken bei ihrer Tagesplanung nicht. Wenn Sie am Samstagmorgen aufwachen und sich fragen: "Was soll ich heute machen?", geht es in der Antwort normalerweise nur um den Verbleib Ihres Körpers - vielleicht haben Sie vor, an den Strand zu fahren, joggen zu gehen oder Ihren Kindern beim Fußballtraining zuzuschauen. Eigentlich sollten Sie sich aber auch fragen: "Was will ich heute mit meinen Gedanken anfangen?"

Ein verwandtes Forschungsgebiet untersucht den Zusammenhang zwischen gedanklichem Abschweifen und Produktivität. Viele Manager - vor allem diejenigen, deren Mitarbeiter kreative Wissensarbeit leisten - haben vielleicht das Gefühl, dass ein gewisses Maß an Tagträumerei gut für ihre Leute ist, weil sie auf diese Weise ein bisschen abschalten können und dabei vielleicht über andere berufliche Projekte nachdenken. Doch leider deuten unsere bisherigen Daten darauf hin, dass gedankliches Abschweifen bei der Arbeit nicht nur das Glücksgefühl, sondern auch die Produktivität beeinträchtigt. Und Mitarbeiter lassen ihre Gedanken viel öfter umherschweifen, als ihre Chefs wahrscheinlich glauben (ungefähr 50 Prozent des Arbeitstages), und beschäftigen sich dabei fast immer mit persönlichen Angelegenheiten. Also sollten Manager sich vielleicht überlegen, wie sie ihren Mitarbeitern helfen können, konzentriert zu bleiben. Damit täten sie nicht nur ihrem Unternehmen, sondern auch den Mitarbeitern etwas Gutes.

Meine Daten lassen auch Rückschlüsse zu, wie das Glücksempfinden variiert, beim Einzelnen und von Mensch zu Mensch. Ganz offenbar hängt es stärker von der jeweiligen Situation ab, als dass es sich von Person zu Person unterscheidet. Das deutet darauf hin, dass nicht in erster Linie die Konstanten unseres Lebens (etwa Wohnort oder Familienstand) über unser Glück bestimmen. Sondern in Wirklichkeit zählen vielleicht die kleinen, alltäglichen Dinge am allermeisten.

Außerdem deuten meine Daten darauf hin, dass Glück am Arbeitsplatz möglicherweise mehr von den vielen kleinen Erlebnissen abhängt, die wir im Laufe des Tages haben (unserem routinemäßigen Kontakt mit Kollegen, den Projekten, an denen wir mitwirken, unseren täglichen Leistungen), und nicht so sehr von den Rahmenbedingungen, von denen man allgemein annimmt, dass sie das Glück fördern, wie beispielsweise ein hohes Gehalt oder ein prestigeträchtiger Titel. Der Schwerpunkt meiner Forschungsarbeit besteht darin, diese Tracking-Technologie am Arbeitsplatz einzusetzen und so (hoffentlich) endlich herauszufinden, was Mitarbeiter wirklich glücklich macht.