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Heft 5/2012: Der Jobs-Code | 24.04.2012

Fallstudie

Wann das Private bekannt werden muss

Von Tiziana Casciaro und Victoria W. Winston

Die Angestellte eines US-Biotechnologieunternehmens ist Favoritin für die Stelle als Leiterin der Auslandsgeschäfte. Kurz vor dem erhofften Karrieresprung stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Wie soll sie mit dieser Information umgehen?

Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?", fragte der Kellner Betsy Sugarman. Sie und ihr Ehemann Zach tauschten Blicke aus.

"Nein danke", erwiderte Sugarman, "nur die Speisekarte bitte." Sie seufzte und wendete sich ihrem Ehemann zu. "Ohne Wein zu feiern ist irgendwie nicht dasselbe."

"Wenn du möchtest, höre ich auch auf zu trinken - aus Solidarität", sagte er.

"Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich ein Baby haben und diesen Job machen kann."

"Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich ein Baby haben und diesen Job machen kann."

© Silke Werzinger
Sie lächelte gequält. Es war ja nicht so, dass sie nicht schwanger werden wollte. Sie wollte es unbedingt. Sie hatte sich schon immer Kinder gewünscht. Nur dass es so schnell gehen würde - damit hatte sie nicht gerechnet.

"Du solltest dich freuen, Bets, ob mit Wein oder ohne. Das ist doch aufregend. Ein ganz neuer Lebensabschnitt für uns." Zach Sugarman nahm ihre Hand. Er hatte dieses Abendessen in ihrem Lieblingsrestaurant "Luna Park" vorgeschlagen, denn hier hatten sie auf ihre großen Augenblicke angestoßen: ihre Verlobung, Betsys Aufnahme an der Business School, Zachs erster Großkunde, nachdem er seine eigene Medienproduktionsfirma gegründet hatte. Keine Frage, wenn die beiden die Nachricht von der Schwangerschaft feiern wollten, dann war dies der richtige Ort. Doch Betsy war nicht in Feierlaune, eher trieb sie ein mulmiges Gefühl um.

"Ich bin ja glücklich. Wirklich. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es der richtige Zeitpunkt ist. Und ja, ich weiß, den perfekten Zeitpunkt gibt es natürlich nicht. Aber dieser Job - das ist mein Traumjob."

"Und du bekommst ihn, ganz sicher", beruhigte sie ihr Mann. "Es gibt keinen Grund, warum die Leiterin der Auslandsgeschäfte nicht auch Mutter sein sollte."

Seit ihrem Abschluss an der Stanford Business School vor fünf Jahren hatte Betsy Sugarman bei Caston Pharma gearbeitet, einer Biotechnologiefirma südlich von San Francisco. Ihr erster Eindruck von dem Unternehmen war enttäuschend. Es ging viel langsamer zu, als sie erwartet hatte, und Aufstiegschancen waren rar gesät. Ihre Mentoren rieten ihr, dem System zu vertrauen, Geduld zu haben, die richtige Gelegenheit abzuwarten. Dann endlich, vor ein paar Monaten, war die richtige Gelegenheit da.

Tom DeHart, Vorstand Caston International, suchte jemanden, der bereit war, kurzfristig die Führung der Geschäfte in Übersee zu übernehmen. Jemanden, der die nächsten 18 bis 24 Monate vor allem damit verbringen würde, Castons Niederlassungen außerhalb der USA abzuklappern. Der Job bot nicht nur die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und die Tricks und Kniffe der internationalen Geschäftswelt kennenzulernen, sondern lockte auch mit Aussichten auf noch viel mehr: eine Topmanagementposition im Ausland. Sugarman hatte bei DeHart vorgesprochen, und vor zwei Wochen hatte er ihr die ersehnte Nachricht überbracht: Sie war Anwärterin Nummer eins auf die Stelle.

Für die Sugarmans war dies weit mehr als nur der perfekte Karrieresprung. Es war ihr Lebenstraum: im Ausland zu leben, zu arbeiten und vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Zach Sugarman kam aus Australien, beide hatten sich zum ersten Mal in Indonesien beim freiwilligen US-Friedensdienst Peace Corps getroffen, gleich nach dem College. In der Küche ihrer Wohnung im Noe-Valley-Viertel von San Francisco hing eine Weltkarte, darauf markierten Pins die Orte, an denen sie sich vorstellen konnten zu leben. Irgendwann durchlöcherten so viele Pins die Karte, dass Zach Sugarman scherzhaft vorschlug, nur noch die Orte zu markieren, an denen sie nicht leben wollten.

Der Kellner servierte ihm einen Pinot Noir. Sugarman hob das Glas für einen Toast, aber seine Frau starrte auf die Tischplatte.

"Bets, du schaffst das", sagte er. "Du hast bisher selbst das Unmögliche gemeistert. Wir finden schon eine Lösung. Außerdem, hast du nicht gesagt, dass Tom Vater ist? Er kann das doch sicher nachvollziehen, oder nicht?"

"Vielleicht. So gut kenne ich ihn noch nicht. Er macht einen netten Eindruck, aber ich will ihn nicht enttäuschen. Als wir zuletzt darüber sprachen, war er ganz begeistert, dass ich den Job haben will. Wir beide waren begeistert."

"Was genau hat er gesagt?"

"Er sprach viel über die Dienstreisen und wollte sichergehen, dass ich kein Problem damit habe. Er sagte, es könne ein richtig harter Job sein - und ich bräuchte viel Ausdauer. Was soll ich ihm bloß sagen?"

"Pass auf, lass uns das zusammen durchgehen. Was spricht dafür und was dagegen, ihm zu sagen, dass du schwanger bist?" Zach Sugarman nahm eine Cocktailserviette, breitete sie auf dem Tisch aus und zog in der Mitte eine Linie. Auf eine Seite schrieb er "Pro", auf die andere "Kontra". Genau dasselbe hatte seine Frau schon oft mit ihm gemacht. Eigentlich war sie der organisierte Typ in ihrer Beziehung. Mithilfe von Excel-Tabellen plante sie Urlaubsreisen, schmiedete Karrierepläne und sortierte Sommer- und Wintersachen.

Ihr gefiel es zwar, wie sehr sich ihr Mann um sie bemühte, aber zum Planen fehlte ihr jetzt einfach der Elan. "Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich ein Baby haben und diesen Job machen kann."


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