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zuletzt aktualisiert: 24. April 2012, 07:39 Uhr
Heft 5/2012: Der Jobs-Code

Fallstudie

Wann das Private bekannt werden muss

Von Tiziana Casciaro und Victoria W. Winston

Die Angestellte eines US-Biotechnologieunternehmens ist Favoritin für die Stelle als Leiterin der Auslandsgeschäfte. Kurz vor dem erhofften Karrieresprung stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Wie soll sie mit dieser Information umgehen?

Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?", fragte der Kellner Betsy Sugarman. Sie und ihr Ehemann Zach tauschten Blicke aus.

"Nein danke", erwiderte Sugarman, "nur die Speisekarte bitte." Sie seufzte und wendete sich ihrem Ehemann zu. "Ohne Wein zu feiern ist irgendwie nicht dasselbe."

"Wenn du möchtest, höre ich auch auf zu trinken - aus Solidarität", sagte er.

Sie lächelte gequält. Es war ja nicht so, dass sie nicht schwanger werden wollte. Sie wollte es unbedingt. Sie hatte sich schon immer Kinder gewünscht. Nur dass es so schnell gehen würde - damit hatte sie nicht gerechnet.

"Du solltest dich freuen, Bets, ob mit Wein oder ohne. Das ist doch aufregend. Ein ganz neuer Lebensabschnitt für uns." Zach Sugarman nahm ihre Hand. Er hatte dieses Abendessen in ihrem Lieblingsrestaurant "Luna Park" vorgeschlagen, denn hier hatten sie auf ihre großen Augenblicke angestoßen: ihre Verlobung, Betsys Aufnahme an der Business School, Zachs erster Großkunde, nachdem er seine eigene Medienproduktionsfirma gegründet hatte. Keine Frage, wenn die beiden die Nachricht von der Schwangerschaft feiern wollten, dann war dies der richtige Ort. Doch Betsy war nicht in Feierlaune, eher trieb sie ein mulmiges Gefühl um.

"Ich bin ja glücklich. Wirklich. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es der richtige Zeitpunkt ist. Und ja, ich weiß, den perfekten Zeitpunkt gibt es natürlich nicht. Aber dieser Job - das ist mein Traumjob."

"Und du bekommst ihn, ganz sicher", beruhigte sie ihr Mann. "Es gibt keinen Grund, warum die Leiterin der Auslandsgeschäfte nicht auch Mutter sein sollte."

Seit ihrem Abschluss an der Stanford Business School vor fünf Jahren hatte Betsy Sugarman bei Caston Pharma gearbeitet, einer Biotechnologiefirma südlich von San Francisco. Ihr erster Eindruck von dem Unternehmen war enttäuschend. Es ging viel langsamer zu, als sie erwartet hatte, und Aufstiegschancen waren rar gesät. Ihre Mentoren rieten ihr, dem System zu vertrauen, Geduld zu haben, die richtige Gelegenheit abzuwarten. Dann endlich, vor ein paar Monaten, war die richtige Gelegenheit da.

Tom DeHart, Vorstand Caston International, suchte jemanden, der bereit war, kurzfristig die Führung der Geschäfte in Übersee zu übernehmen. Jemanden, der die nächsten 18 bis 24 Monate vor allem damit verbringen würde, Castons Niederlassungen außerhalb der USA abzuklappern. Der Job bot nicht nur die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und die Tricks und Kniffe der internationalen Geschäftswelt kennenzulernen, sondern lockte auch mit Aussichten auf noch viel mehr: eine Topmanagementposition im Ausland. Sugarman hatte bei DeHart vorgesprochen, und vor zwei Wochen hatte er ihr die ersehnte Nachricht überbracht: Sie war Anwärterin Nummer eins auf die Stelle.

Für die Sugarmans war dies weit mehr als nur der perfekte Karrieresprung. Es war ihr Lebenstraum: im Ausland zu leben, zu arbeiten und vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Zach Sugarman kam aus Australien, beide hatten sich zum ersten Mal in Indonesien beim freiwilligen US-Friedensdienst Peace Corps getroffen, gleich nach dem College. In der Küche ihrer Wohnung im Noe-Valley-Viertel von San Francisco hing eine Weltkarte, darauf markierten Pins die Orte, an denen sie sich vorstellen konnten zu leben. Irgendwann durchlöcherten so viele Pins die Karte, dass Zach Sugarman scherzhaft vorschlug, nur noch die Orte zu markieren, an denen sie nicht leben wollten.

Der Kellner servierte ihm einen Pinot Noir. Sugarman hob das Glas für einen Toast, aber seine Frau starrte auf die Tischplatte.

"Bets, du schaffst das", sagte er. "Du hast bisher selbst das Unmögliche gemeistert. Wir finden schon eine Lösung. Außerdem, hast du nicht gesagt, dass Tom Vater ist? Er kann das doch sicher nachvollziehen, oder nicht?"

"Vielleicht. So gut kenne ich ihn noch nicht. Er macht einen netten Eindruck, aber ich will ihn nicht enttäuschen. Als wir zuletzt darüber sprachen, war er ganz begeistert, dass ich den Job haben will. Wir beide waren begeistert."

"Was genau hat er gesagt?"

"Er sprach viel über die Dienstreisen und wollte sichergehen, dass ich kein Problem damit habe. Er sagte, es könne ein richtig harter Job sein - und ich bräuchte viel Ausdauer. Was soll ich ihm bloß sagen?"

"Pass auf, lass uns das zusammen durchgehen. Was spricht dafür und was dagegen, ihm zu sagen, dass du schwanger bist?" Zach Sugarman nahm eine Cocktailserviette, breitete sie auf dem Tisch aus und zog in der Mitte eine Linie. Auf eine Seite schrieb er "Pro", auf die andere "Kontra". Genau dasselbe hatte seine Frau schon oft mit ihm gemacht. Eigentlich war sie der organisierte Typ in ihrer Beziehung. Mithilfe von Excel-Tabellen plante sie Urlaubsreisen, schmiedete Karrierepläne und sortierte Sommer- und Wintersachen.

Ihr gefiel es zwar, wie sehr sich ihr Mann um sie bemühte, aber zum Planen fehlte ihr jetzt einfach der Elan. "Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich ein Baby haben und diesen Job machen kann."

Lieber Schweigen

Höhere Massstäbe

Am nächsten Morgen stellte Betsy Sugarman ihren Laptop auf dem Schreibtisch ab, goss sich einen koffeinfreien Kaffee ein (wie viel lieber hätte sie jetzt einen richtigen getrunken!) und ging in den dritten Stock, um Personalleiterin Cara Quinn zu sprechen. Vor Quinns Tür verschnaufte sie einen kurzen Moment. Erstaunt stellte sie fest, wie schnell sie schon jetzt erschöpft war, noch ganz zu Beginn der Schwangerschaft.

"Sugarman, was machen Sie da?", fragte Quinn, die sie durch den Türspalt beobachtet hatte. Quinn war in der ganzen Firma für ihre resolute und äußerst gewissenhafte Art bekannt. Ihr Büro war penibel aufgeräumt, alles lag an seinem Platz. Gegen sie wirkte Sugarman fast schon chaotisch - und das wollte etwas heißen.

"Ich möchte mich nur erkundigen, ob Sie wissen, wann Tom sich endgültig entscheiden wird", sagte Sugarman.

"Wieso? Sie haben es sich doch nicht etwa anders überlegt?"

"Nein, nein, ich will mich nur optimal darauf vorbereiten." Sugarman blickte auf den leeren Stuhl gegenüber von Quinns Schreibtisch. Quinn fing ihren Blick auf, bot ihr aber keinen Platz an.

"Das freut mich, denn meiner Meinung nach sind Sie die Richtige für diese Stelle", sagte Quinn. "Die ideale Besetzung, um genau zu sein. Sie arbeiten hart, sind konzentriert und engagiert. Sie wissen mit Druck umzugehen. Tom braucht jemanden, der diese Sache durchzieht."

"Ja, wie gesagt, das ist genau der Job, auf den ich gewartet habe."

"Gut. Toms Reiseplanung ist noch nicht fertig, aber nächste Woche dürfte er wieder da sein. Seien Sie gut vorbereitet. Tom schätzt Sie und weiß, was Sie bisher geleistet haben, aber Sie müssen sich erst noch beweisen. Sie sind nicht die Einzige, die ein Auge auf diesen Posten geworfen hat. Es ist zwar ungerecht, aber wir Frauen müssen nun mal immer etwas besser sein als alle anderen. Für uns gelten höhere Maßstäbe, nicht nur bei Caston, sondern überall."

Sugarman wusste nicht, ob sie beipflichten sollte, also schwieg sie lieber.

"Ich muss in ein Meeting", sagte Quinn. "Gibt es noch etwas?"

Besonderer Wert auf Privatsphäre

Fast eine Lüge

Zurück in ihrem Büro schrieb Sugarman eine E-Mail an ihre Freundin Marissa Guallart, ob sie mittags Zeit zum Essen habe. Die beiden Frauen hatten am selben Tag bei Caston angefangen, und obwohl sie inzwischen in verschiedenen Abteilungen arbeiteten, tauschten sie oft Karrieretipps aus.

Als Guallart bei ihr anklopfte, bat Sugarman sie, hereinzukommen und die Tür hinter sich zuzumachen.

"Wenn ich es Tom jetzt nicht sage und er mir die Stelle gibt, fühlt es sich wie eine Lüge an", gab Sugarman zu bedenken.
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"Wenn ich es Tom jetzt nicht sage und er mir die Stelle gibt, fühlt es sich wie eine Lüge an", gab Sugarman zu bedenken.

© Solke Werzinger
"Auweia, du bittest mich sonst nie, die Tür zu schließen", sagte ihre Freundin und setzte sich.

Sugarman erzählte von ihrer Schwangerschaft.

"Herzlichen Glückwunsch!" Guallart stand auf und nahm ihre Freundin in die Arme. "Das ist toll!"

"Ich weiß, ich freue mich ja auch ... Aber um ehrlich zu sein: Ein Teil von mir freut sich, und ein anderer Teil hat furchtbare Angst."

"Aber Zach und du, ihr habt euch das doch immer gewünscht, oder?"

"Ja, aber das Timing stimmt nicht."

"Das stimmt nie", erwiderte Guallart. Sie und ihre Partnerin Shannon hatten selbst zwei kleine Kinder unter zwei Jahren. Beide wollten unbedingt schwanger werden, hatten es zur selben Zeit probiert und im Abstand von nur drei Monaten je ein Mädchen bekommen. "Du kannst die Stelle doch trotzdem annehmen."

Sugarman war erleichtert, dass Guallart so schnell zum eigentlichen Thema überging - das war ein Grund, warum sie so gut miteinander auskamen. "Sicher kann ich das", sagte sie. "Letzte Nacht lag ich wach und habe über alles nachgedacht. Der Job fängt nächsten Monat an. Bis zu meiner Babypause könnte ich wenigstens drei Monate lang reisen und arbeiten. Natürlich vorausgesetzt, dass alles glattgeht."

"Würdest du denn die ganzen vier Monate nehmen?", wollte Guallart wissen. Für amerikanische Verhältnisse war Caston beim Mutterschaftsurlaub großzügig.

"Das würde ich gern. Wenn ich dann wieder einsteige, wäre ich oft unterwegs, aber Zachs Arbeitszeiten sind ja flexibel. Er und das Baby könnten ab und zu mitkommen. Zach ist auf jeden Fall mit im Boot."

"Wie ich sehe, hast du dir alles ganz genau überlegt, wie immer", meinte Guallart. "Also, wo ist der Haken?"

"Ich weiß nicht, was ich Tom sagen soll."

"Sag ihm, was du mir gesagt hast. Du bist schwanger, freust dich aber auf den Job, und dann erklärst du ihm, wie du beides unter einen Hut bekommst. Was gibt es da sonst zu sagen?"

"Aber ich habe doch selbst gerade erst erfahren, dass ich schwanger bin. Ich hab's noch nicht mal meiner Schwester verraten. Ich möchte es Tom nicht erzählen."

"Du kennst mich ja, ich bin ein offenes Buch, selbst hier im Büro, aber ich kann schon nachvollziehen, dass du solche Dinge nicht einfach ausplaudern möchtest."

Sugarman hatte immer besonderen Wert auf ihre Privatsphäre gelegt, und ihr Mann hatte sich diesen Umstand mit ihrer Herkunft von der amerikanischen Ostküste erklärt. "Warum sagst du es nicht erst der Personalabteilung und hörst dir deren Meinung an?"

"Tom arbeitet mit Quinn an dieser Sache."

"Oje, Quinn ist schwierig."

"Außerdem möchte ich es keinem anderen verraten. Meine Schwester hatte zwei Fehlgeburten. Ich möchte erst sichergehen, dass alles in Ordnung ist." Sugarman stützte ihren Kopf in die Hände. "Wenn ich es Tom jetzt nicht sage und er mir die Stelle gibt, fühlt es sich an, als hätte ich gelogen. Erzähle ich es ihm in zwei Monaten, wird er denken, dass ich es schon vorher wusste."

"O Mann, so was lernt man definitiv nicht an der Uni", meinte Guallart.

Anderen den Vortritt lassen?

Nicht seine Sache

Sugarmans Blackberry klingelte. Als sie sah, dass ihre Mutter anrief, nahm sie sofort ab. Seit ihrem ersten Gespräch über das Baby vor einer Woche hatten sie sich ständig verpasst.

"Mama?"

"Ja, mein Schatz. Ich bin gerade auf dem Weg zu einer Sitzung in Boston. Hast du Zeit?"

Sugarman wollte sie um Rat bitten - nicht nur als Mutter, sondern auch als Chefin. Ihre Mutter und ihre Großmutter waren immer berufstätig gewesen, denn es galt, einen Familienbetrieb zu leiten: eine Haushaltswarenkette im amerikanischen Nordosten. Zwei starke Frauen, die Sugarman immer als Vorbilder betrachtet hatte. Sie hatten ihr beigebracht und vorgelebt, wie eine Frau Beruf und Kinder unter einen Hut bringen konnte. Von ihnen wusste sie auch, dass es nicht immer leicht war - aber auf jeden Fall die Mühe wert.

"Ich habe gerade erfahren, dass Tom am Montag wieder im Büro ist", begann Sugarman, "und dass er bis Ende der Woche eine Entscheidung treffen will. Nun muss ich mich entscheiden, was ich ihm sagen werde."

"Sag ihm: 'Ich bin bereit und kann es kaum erwarten, endlich anzufangen'", antwortete ihre Mutter.

"Aber Mama, ist das nicht fast wie gelogen? Das ist doch nicht die ganze Wahrheit."

"Betsy, ich bitte dich. Ich habe dir beigebracht, ehrlich zu sein - nicht, dir ins eigene Knie zu schießen."

"Aber wenn Heather schwanger wäre und deshalb Urlaub nehmen müsste, würdest du das doch auch wissen wollen, oder?" Heather war Chefeinkäuferin im Familienbetrieb ihrer Mutter und fast die ganze Zeit auf Messen unterwegs.

"Natürlich würde ich das wissen wollen, aber erst, wenn Heather bereit ist, es mir zu sagen. Und das ist keine Selbstverständlichkeit - denk nur daran, was deiner Schwester passiert ist. Was, wenn du es deinem Chef erzählst und in ein paar Wochen gibt es schlechte Nachrichten? Das ist nicht seine Sache."

"Ich weiß, ich weiß. Zach sagt dasselbe."

"Betsy, du bist nicht die erste berufstätige Frau, die schwanger wird. So was passiert ständig, und wir müssen alle damit zurechtkommen. Letzte Woche hast du mir erzählt, dass Zach und du euch alles überlegt habt. Für mich klang das so, als hättet ihr einen guten Plan."

"Ich weiß, aber ich weiß nicht, ob Tom das genauso sieht. Immerhin gibt es viele Leute - Leute ohne Kinder -, die diese Stelle wollen."

"Ein Grund mehr, es erst mal für dich selbst zu behalten. Du hast dich bei Caston zum Superstar gemausert. Tom wird vielleicht irritiert sein, wenn er es erfährt, aber bis dahin machst du deine Arbeit besser als jeder andere. Und dann wird es ihm bald egal sein, ob du es ihm gleich gesagt hast oder nicht. Er wird einfach nur froh sein, dich im Team zu haben, und er wird alles tun, um dich zu halten."

Obwohl Betsy Sugarman wusste, dass ihre Mutter die Situation alles andere als neutral beurteilte, baute der Zuspruch sie etwas auf. Dennoch nagte der Zweifel weiter an ihr. "Vielleicht sollte ich doch lieber anderen den Vortritt lassen", sagte sie zögernd. "Vielleicht ist der Zeitpunkt einfach nicht der richtige."

"Schatz, das klingt überhaupt nicht nach dir. Du liebst doch Herausforderungen. Du hast selbst gesagt, dass dieser Job eine einmalige Chance ist. Ich möchte nicht, dass du sie vergibst."

Sollte Betsy Sugarman Tom DeHart sagen, dass sie schwanger ist?

Was raten Sie?

Was raten Experten? Drei Fachleute beurteilen den Fall.

Experte: Michael Hamilton

Wenn Tom DeHart Sugarman die Stelle in der Auslandsabteilung anbietet, sollte sie zugreifen und ihm klarmachen, dass sie die Herausforderung mit Freude annimmt und die Anforderungen sorgfältig abgewogen hat. Für ihren neuen Job wird sie alles geben, und daran soll ihr neuer Chef keinen Zweifel haben. Im selben Gespräch sollte sie ihm auch die private Neuigkeit mitteilen: Ich bin schwanger, und obwohl ich eine Babypause brauchen werde, bin ich bereit, mich meiner neuen Aufgabe zu stellen.

Sie muss es DeHart nicht sagen, bevor er ihr die Stelle anbietet. Wenn sie sicher ist, dass sie der Aufgabe gewachsen ist, gibt es keinen Grund, warum sie ihm Gelegenheit geben sollte, einen Rückzieher zu machen. Schließlich liegt die Entscheidung, ob sie die Chance unter den gegebenen Umständen nutzen möchte, allein bei Sugarman. Sie ist nicht verpflichtet, DeHart von ihrer Schwangerschaft zu berichten, solange sie nicht dazu bereit ist. Beruflicher Erfolg hängt letztlich jedoch immer von persönlichen Beziehungen ab. Da sie bislang noch nicht mit DeHart zusammengearbeitet hat, muss sie schnellstmöglich ein gutes Verhältnis zu ihm aufbauen. Offenheit, gerade auch in Bezug auf ihre Schwangerschaft, ist da ein Schritt in die richtige Richtung. So kann sie DeHart gegenüber ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen.

Sicher, die Doppelbelastung Kind und Karriere mag sich bisweilen auf die eigene Arbeitsweise auswirken. Immerhin muss sich Sugarman auf ihre neuen persönlichen Bedürfnisse einstellen.

Aber jeder von uns hat Verpflichtungen, die über unseren Beruf hinausgehen. Wäre ihre Mutter krank, würde DeHart ihr dann etwa die Stelle nicht anbieten? Würde sich ihr Mann an ihrer Stelle bewerben, würde dann etwa jemand an seiner Eignung zweifeln, nur weil er bald Vater wird? Wenn Sugarman die Stelle erst einmal hat, muss sie keine Angst haben, die Wahrheit zu sagen. Denn wenn sie beweisen kann, wie gründlich sie die Auswirkungen von Schwangerschaft und Mutterrolle auf ihre Arbeit bedacht hat, dann hat DeHart keinen Grund, sein Angebot zu bereuen. Und selbst wenn seine Reaktion nicht so ausfällt, wie sich Sugarman dies erhofft, kann sie daraus zumindest eine wichtige Lehre ziehen: Will sie wirklich für einen Chef arbeiten, der ihr nicht zutraut, Berufs- und Privatleben erfolgreich auszubalancieren? Sugarman hat die Chance, ihrem Chef zu zeigen, was es heißt, als junge Frau in der Businesswelt Fuß zu fassen.

In meinen 37 Jahren bei Ernst & Young habe ich mit vielen hochtalentierten Kolleginnen zusammengearbeitet, die mir halfen, die Welt mit ihren Augen zu betrachten. Sie vermittelten mir einen ganz anderen Zugang zum Arbeitsleben, und das hat meinen Führungsqualitäten gewiss nicht geschadet.

Unsere leitenden Angestellten bringen immer wieder Diskussionen zu solchen wichtigen Themen ins Rollen und geben damit anderen Führungskräften ein Beispiel, wie sie in bestimmten Situationen handeln und entscheiden sollen. Unser aktueller Chairman wie auch sein Vorgänger haben stets ihre Stimme erhoben, um sich für Frauenbelange einzusetzen. Beide haben aufstrebende weibliche Führungskräfte unterstützt und sich eingemischt, wann immer es strittige Fragen zu klären galt. Wenn Castons Führungsriege dieselben Signale aussendet, wird DeHart Sugarman auf ihrem Weg unterstützen und ihr helfen, die neue Stelle und die ungewohnte Mutterrolle aufeinander abzustimmen. Andernfalls könnte Sugarman das Management an DeHarts Pflicht erinnern, ein besseres Arbeitsklima für weibliche Führungskräfte zu schaffen - oder versuchen, einen besseren Arbeitgeber zu finden.

Michael Hamilton ist Partner und Direktor der Personalentwicklungs-abteilung für Nord- und Südamerika bei Ernst & Young.

Experte: Mary B. Cranston

Betsy Sugarman ist seit Kurzem schwanger und möchte diese Neuigkeit nur mit Menschen teilen, die ihr besonders nahestehen. In dieser Hinsicht hat ihre Mutter völlig recht: Es ist nicht Tom DeHarts Sache.

Sie muss ihn nicht informieren, solange sie sich noch nicht bereit fühlt, die Nachricht öffentlich zu machen - schließlich wirkt sich ihre Entscheidung nicht auf ihre Arbeit aus. Sobald sie so weit ist, ihre Schwangerschaft bekannt zu geben, sollte sie einen gut durchdachten Plan parat haben, wie sie ihren beruflichen Pflichten während der Babypause und als junge Mutter nachkommen will. Denn auch im Mutterschaftsurlaub wird sie auf Dauer sicher nicht umhinkommen, das eine oder andere Telefonat zu führen oder E-Mails zu schreiben, doch mit der tatkräftigen Unterstützung ihres Mannes kann das gelingen.

Wenn Sugarman befürchtet, andere könnten ihre Fähigkeiten infrage stellen, ist das alles andere als Paranoia.

Zahlreiche Studien belegen: Noch immer prallen Mütter in vielen Unternehmen gegen eine Wand aus Vorurteilen, in der Psychologie oft als "Maternal Wall" bezeichnet. Arbeitende Mütter gelten im Vergleich zu anderen Angestellten als nicht voll bei der Sache und weniger belastbar. Doch in einem hoch entwickelten Land wie den Vereinigten Staaten hat jede und jeder das Recht, einen Beruf auszuüben und ein Kind zu haben. Sugarman kann also sehr wohl Mutter sein und zugleich ihre Karriere vorantreiben.

Sugarman wird aber auch mit Geschlechterstereotypen konfrontiert werden und muss lernen, damit umzugehen.

Nach wie vor dominiert in der amerikanischen Geschäftswelt die Ansicht: Männer führen, Frauen folgen.

Jedes Mal, wenn eine Frau eine Spitzenposition übernimmt, stellen die Menschen - auch die Frau selbst - dieses Klischee ein Stück weit infrage. Sugarmans Selbstzweifel sind jedoch bezeichnend: "Vielleicht sollte ich lieber anderen den Vortritt lassen." Ihr Gespräch mit DeHart - ganz gleich, wann es dazu kommt - wird viel besser laufen, wenn sie sich mental und emotional in ihrem Erfolg bestärkt. Wenn ich junge Frauen coache, komme ich oft auf das Selbstvertrauen zu sprechen, denn Letzteres gehört zu den wenigen Dingen, die wir selbst steuern können.

Im Laufe der Jahre habe ich mich all diesen Vorurteilen gestellt und so gelernt, meine Selbstzweifel zu begraben.

Männer haben nicht mehr die Macht, mich zu stoppen.

Es ist Jahrzehnte her, dass ich meine beiden Kinder zur Welt gebracht habe.

Als ich schwanger wurde, arbeitete ich gerade an mehreren langwierigen Projekten, daher zögerte ich keinen Moment, es meinen Kollegen zu sagen. Ich wollte weiter dabei sein, also plante ich voraus, wie es während meiner Abwesenheit weitergehen sollte. Damals war mir keine einzige Anwaltskanzlei mit Richtlinien für den Mutterschutz bekannt, aber ich bat dennoch um bezahlten Urlaub und bekam ihn: acht Wochen. Seitdem hat sich enorm viel getan. Heute gibt es eine ganze Industrie, die berufstätige Mütter unterstützt - sei es beim Stillen oder bei der Suche nach Betreuungsangeboten. Ich musste mich ganz allein zurechtfinden. Meine Tochter, die zur selben Generation gehört wie Sugarman, wartete bis zum zweiten Drittel ihrer Schwangerschaft, wenn das Risiko einer Fehlgeburt sinkt, ehe sie ihren Chefs die Nachricht überbrachte, und nahm sechs Monate bezahlten Urlaub.

All den genannten Vorurteilen zum Trotz sind heute mehr Unternehmen denn je bestrebt, junge Mütter zu halten.

Mit etwas Glück gehört auch Caston zu dieser Art Unternehmen.

Wenn dem so ist, wird Tom DeHart ganz sicher verstehen, warum sich Sugarman entschied, ihre privaten Neuigkeiten - die ihre beruflichen Leistungen in keinster Weise beeinträchtigen dürften - lieber eine Weile für sich zu behalten.

Mary B. Cranston ist Firm Senior Partner bei der internationalen Anwaltskanzlei Pillsbury Winthrop Shaw Pittman und Vorstandsmitglied bei diversen Unternehmen (wie etwa Visa, International Rectifier, Juniper Networks).

Experte: Susanne Westphal

Menschen können zum Mond fliegen und Live-Konferenzschaltungen über verschiedene Kontinente durchführen. Aber den exakten Geburtstermin planen - das bleibt unkontrollierbares Terrain.

Auch bei Betsy Sugarman klingt die Abstimmung zwischen beruflichen Chancen und privater Lebensplanung sehr herausfordernd. Die frohe Botschaft und der Hormonschub lösen nun vermutlich eine Explosion unterschiedlichster Emotionen aus - diese sollte jedoch zu Hause stattfinden.

Vor allem von ihren Vorgesetzten wird Schwangeren gern unterstellt, sie wären wankelmütig, völlig bauchfixiert und damit businessuntauglich, möglicherweise auch körperlich geschwächt und ständig krank. Jeder Chef und jede Chefin kennt Beispiele von zielstrebigen, erfolgreichen Frauen die mit der ersten Schwangerschaftswoche eine Totalverschiebung ihrer Werte durchmachten und keinerlei berufliche Ambitionen mehr zeigten.

Sugarman agiert wie eine typische Frau: Sie möchte fair und loyal sein, und sie scheint teamorientierte Entscheidungsprozesse zu mögen. Doch sie sollte nichts überstürzen und DeHart sofort von der Schwangerschaft berichten.

Das ist in vielfacher Hinsicht keine gute Idee. Zum einen hat ihre Mutter recht: In dieser frühen Phase ist eine Schwangerschaft labil. Sollte es zu einer Fehlgeburt kommen, besteht kein Kündigungsschutz mehr. DeHart wäre dann gewarnt, dass sie Nachwuchs plant, und zieht womöglich eine andere Besetzung für diese interessante Position vor.

Viel wichtiger wäre es, dass Betsy Sugarman ihre eigenen Ziele überprüft und die Karriereplanung unter den neuen Voraussetzungen angeht: Was will sie? Wie möchte sie künftig leben? Wie stellt sich ihr Ehemann das berufliche und private Leben mit Kind vor? Vielleicht erscheint der Karriere - sprung nach Übersee zurzeit zu anstrengend.

Dann sollte sie das in der 12.

Schwangerschaftswoche klar und deutlich ansprechen und gleichzeitig erläutern, in welcher Weise sie sich künftig für Caston engagieren will. Ich würde eher über Rahmenbedingungen wie flexible Bürozeiten oder Homeoffice verhandeln als über Teilzeitmodelle.

Die meisten Teilzeitkräfte, die ich in meiner Arbeit erlebe, arbeiten Vollzeit, verdienen aber deutlich weniger.

Wenn Sugarman sich zutraut, den neuen Job auch mit Kind gut hinzubekommen, kann ich lediglich sagen: nur Mut! Ich bin selbst viel mit meinen Stillkindern gereist und hatte in jeder Stadt meinen Babysitter - Neugeborene sind ohnehin leichter zu organisieren als größere Kinder.

Sugarman sollte ein Gespräch mit DeHart suchen, sobald der neue Vertrag unterschrieben ist. Sie könnte ihre Entschlossenheit untermauern, indem sie sich genaue Details und Eventualitäten überlegt: Wer kann sie während der Mutterschutzzeit vertreten? Welche wichtigen Termine stehen um den Geburtstermin an? Wie geht sie mit Dienstreisen um, wenn sie nicht mehr fliegen soll? Wie kann sie mobile Erreichbarkeit im Krankheitsfall gewährleisten? Ich würde auch sofort anbringen, dass der werdende Vater sich eine Auszeit nimmt und für das Kind da sein wird. Ob er das tut oder sie sich ein Aupair nehmen wollen, geht schließlich niemanden etwas an. Und familieninterne Lösungen werden seltener hinterfragt oder gar kommentiert.

Eine Schwangerschaft ist auch nur eine besondere Art eines Change-Projekts.

Sugarman sollte dieses genauso professionell angehen, ähnlich gründlich planen und klar kommunizieren.

Dann gibt es auch ein berufliches Leben nach der Entbindung.

Susanne Westphal ist selbstständig mit SueWest Communications und trainiert Führungskompetenz und Kommunikation. Sie ist unter anderem für SheBoss, einen Seminaranbieter für Frauen, tätig. Westphal ist Mutter von fünf Kindern.