Von Tiziana Casciaro und Victoria W. Winston
7. Teil: Experte: Susanne Westphal
Menschen können zum Mond fliegen und Live-Konferenzschaltungen über verschiedene Kontinente durchführen. Aber den exakten Geburtstermin planen - das bleibt unkontrollierbares Terrain.
Auch bei Betsy Sugarman klingt die Abstimmung zwischen beruflichen Chancen und privater Lebensplanung sehr herausfordernd. Die frohe Botschaft und der Hormonschub lösen nun vermutlich eine Explosion unterschiedlichster Emotionen aus - diese sollte jedoch zu Hause stattfinden.
Vor allem von ihren Vorgesetzten wird Schwangeren gern unterstellt, sie wären wankelmütig, völlig bauchfixiert und damit businessuntauglich, möglicherweise auch körperlich geschwächt und ständig krank. Jeder Chef und jede Chefin kennt Beispiele von zielstrebigen, erfolgreichen Frauen die mit der ersten Schwangerschaftswoche eine Totalverschiebung ihrer Werte durchmachten und keinerlei berufliche Ambitionen mehr zeigten.
Sugarman agiert wie eine typische Frau: Sie möchte fair und loyal sein, und sie scheint teamorientierte Entscheidungsprozesse zu mögen. Doch sie sollte nichts überstürzen und DeHart sofort von der Schwangerschaft berichten.
Das ist in vielfacher Hinsicht keine gute Idee. Zum einen hat ihre Mutter recht: In dieser frühen Phase ist eine Schwangerschaft labil. Sollte es zu einer Fehlgeburt kommen, besteht kein Kündigungsschutz mehr. DeHart wäre dann gewarnt, dass sie Nachwuchs plant, und zieht womöglich eine andere Besetzung für diese interessante Position vor.
Dann sollte sie das in der 12.
Schwangerschaftswoche klar und deutlich ansprechen und gleichzeitig erläutern, in welcher Weise sie sich künftig für Caston engagieren will. Ich würde eher über Rahmenbedingungen wie flexible Bürozeiten oder Homeoffice verhandeln als über Teilzeitmodelle.
Die meisten Teilzeitkräfte, die ich in meiner Arbeit erlebe, arbeiten Vollzeit, verdienen aber deutlich weniger.
Wenn Sugarman sich zutraut, den neuen Job auch mit Kind gut hinzubekommen, kann ich lediglich sagen: nur Mut! Ich bin selbst viel mit meinen Stillkindern gereist und hatte in jeder Stadt meinen Babysitter - Neugeborene sind ohnehin leichter zu organisieren als größere Kinder.
Sugarman sollte ein Gespräch mit DeHart suchen, sobald der neue Vertrag unterschrieben ist. Sie könnte ihre Entschlossenheit untermauern, indem sie sich genaue Details und Eventualitäten überlegt: Wer kann sie während der Mutterschutzzeit vertreten? Welche wichtigen Termine stehen um den Geburtstermin an? Wie geht sie mit Dienstreisen um, wenn sie nicht mehr fliegen soll? Wie kann sie mobile Erreichbarkeit im Krankheitsfall gewährleisten? Ich würde auch sofort anbringen, dass der werdende Vater sich eine Auszeit nimmt und für das Kind da sein wird. Ob er das tut oder sie sich ein Aupair nehmen wollen, geht schließlich niemanden etwas an. Und familieninterne Lösungen werden seltener hinterfragt oder gar kommentiert.
Eine Schwangerschaft ist auch nur eine besondere Art eines Change-Projekts.
Sugarman sollte dieses genauso professionell angehen, ähnlich gründlich planen und klar kommunizieren.
Dann gibt es auch ein berufliches Leben nach der Entbindung.
Susanne Westphal ist selbstständig mit SueWest Communications und trainiert Führungskompetenz und Kommunikation. Sie ist unter anderem für SheBoss, einen Seminaranbieter für Frauen, tätig. Westphal ist Mutter von fünf Kindern.