Von Tiziana Casciaro und Victoria W. Winston
6. Teil: Experte: Mary B. Cranston
Betsy Sugarman ist seit Kurzem schwanger und möchte diese Neuigkeit nur mit Menschen teilen, die ihr besonders nahestehen. In dieser Hinsicht hat ihre Mutter völlig recht: Es ist nicht Tom DeHarts Sache.
Wenn Sugarman befürchtet, andere könnten ihre Fähigkeiten infrage stellen, ist das alles andere als Paranoia.
Zahlreiche Studien belegen: Noch immer prallen Mütter in vielen Unternehmen gegen eine Wand aus Vorurteilen, in der Psychologie oft als "Maternal Wall" bezeichnet. Arbeitende Mütter gelten im Vergleich zu anderen Angestellten als nicht voll bei der Sache und weniger belastbar. Doch in einem hoch entwickelten Land wie den Vereinigten Staaten hat jede und jeder das Recht, einen Beruf auszuüben und ein Kind zu haben. Sugarman kann also sehr wohl Mutter sein und zugleich ihre Karriere vorantreiben.
Sugarman wird aber auch mit Geschlechterstereotypen konfrontiert werden und muss lernen, damit umzugehen.
Nach wie vor dominiert in der amerikanischen Geschäftswelt die Ansicht: Männer führen, Frauen folgen.
Jedes Mal, wenn eine Frau eine Spitzenposition übernimmt, stellen die Menschen - auch die Frau selbst - dieses Klischee ein Stück weit infrage. Sugarmans Selbstzweifel sind jedoch bezeichnend: "Vielleicht sollte ich lieber anderen den Vortritt lassen." Ihr Gespräch mit DeHart - ganz gleich, wann es dazu kommt - wird viel besser laufen, wenn sie sich mental und emotional in ihrem Erfolg bestärkt. Wenn ich junge Frauen coache, komme ich oft auf das Selbstvertrauen zu sprechen, denn Letzteres gehört zu den wenigen Dingen, die wir selbst steuern können.
Männer haben nicht mehr die Macht, mich zu stoppen.
Es ist Jahrzehnte her, dass ich meine beiden Kinder zur Welt gebracht habe.
Als ich schwanger wurde, arbeitete ich gerade an mehreren langwierigen Projekten, daher zögerte ich keinen Moment, es meinen Kollegen zu sagen. Ich wollte weiter dabei sein, also plante ich voraus, wie es während meiner Abwesenheit weitergehen sollte. Damals war mir keine einzige Anwaltskanzlei mit Richtlinien für den Mutterschutz bekannt, aber ich bat dennoch um bezahlten Urlaub und bekam ihn: acht Wochen. Seitdem hat sich enorm viel getan. Heute gibt es eine ganze Industrie, die berufstätige Mütter unterstützt - sei es beim Stillen oder bei der Suche nach Betreuungsangeboten. Ich musste mich ganz allein zurechtfinden. Meine Tochter, die zur selben Generation gehört wie Sugarman, wartete bis zum zweiten Drittel ihrer Schwangerschaft, wenn das Risiko einer Fehlgeburt sinkt, ehe sie ihren Chefs die Nachricht überbrachte, und nahm sechs Monate bezahlten Urlaub.
All den genannten Vorurteilen zum Trotz sind heute mehr Unternehmen denn je bestrebt, junge Mütter zu halten.
Mit etwas Glück gehört auch Caston zu dieser Art Unternehmen.
Wenn dem so ist, wird Tom DeHart ganz sicher verstehen, warum sich Sugarman entschied, ihre privaten Neuigkeiten - die ihre beruflichen Leistungen in keinster Weise beeinträchtigen dürften - lieber eine Weile für sich zu behalten.
Mary B. Cranston ist Firm Senior Partner bei der internationalen Anwaltskanzlei Pillsbury Winthrop Shaw Pittman und Vorstandsmitglied bei diversen Unternehmen (wie etwa Visa, International Rectifier, Juniper Networks).