Von Tiziana Casciaro und Victoria W. Winston
4. Teil: Anderen den Vortritt lassen?
Nicht seine Sache
Sugarmans Blackberry klingelte. Als sie sah, dass ihre Mutter anrief, nahm sie sofort ab. Seit ihrem ersten Gespräch über das Baby vor einer Woche hatten sie sich ständig verpasst.
"Mama?"
Sugarman wollte sie um Rat bitten - nicht nur als Mutter, sondern auch als Chefin. Ihre Mutter und ihre Großmutter waren immer berufstätig gewesen, denn es galt, einen Familienbetrieb zu leiten: eine Haushaltswarenkette im amerikanischen Nordosten. Zwei starke Frauen, die Sugarman immer als Vorbilder betrachtet hatte. Sie hatten ihr beigebracht und vorgelebt, wie eine Frau Beruf und Kinder unter einen Hut bringen konnte. Von ihnen wusste sie auch, dass es nicht immer leicht war - aber auf jeden Fall die Mühe wert.
"Ich habe gerade erfahren, dass Tom am Montag wieder im Büro ist", begann Sugarman, "und dass er bis Ende der Woche eine Entscheidung treffen will. Nun muss ich mich entscheiden, was ich ihm sagen werde."
"Sag ihm: 'Ich bin bereit und kann es kaum erwarten, endlich anzufangen'", antwortete ihre Mutter.
"Aber Mama, ist das nicht fast wie gelogen? Das ist doch nicht die ganze Wahrheit."
"Betsy, ich bitte dich. Ich habe dir beigebracht, ehrlich zu sein - nicht, dir ins eigene Knie zu schießen."
"Aber wenn Heather schwanger wäre und deshalb Urlaub nehmen müsste, würdest du das doch auch wissen wollen, oder?" Heather war Chefeinkäuferin im Familienbetrieb ihrer Mutter und fast die ganze Zeit auf Messen unterwegs.
"Natürlich würde ich das wissen wollen, aber erst, wenn Heather bereit ist, es mir zu sagen. Und das ist keine Selbstverständlichkeit - denk nur daran, was deiner Schwester passiert ist. Was, wenn du es deinem Chef erzählst und in ein paar Wochen gibt es schlechte Nachrichten? Das ist nicht seine Sache."
"Ich weiß, ich weiß. Zach sagt dasselbe."
"Betsy, du bist nicht die erste berufstätige Frau, die schwanger wird. So was passiert ständig, und wir müssen alle damit zurechtkommen. Letzte Woche hast du mir erzählt, dass Zach und du euch alles überlegt habt. Für mich klang das so, als hättet ihr einen guten Plan."
"Ich weiß, aber ich weiß nicht, ob Tom das genauso sieht. Immerhin gibt es viele Leute - Leute ohne Kinder -, die diese Stelle wollen."
Obwohl Betsy Sugarman wusste, dass ihre Mutter die Situation alles andere als neutral beurteilte, baute der Zuspruch sie etwas auf. Dennoch nagte der Zweifel weiter an ihr. "Vielleicht sollte ich doch lieber anderen den Vortritt lassen", sagte sie zögernd. "Vielleicht ist der Zeitpunkt einfach nicht der richtige."
"Schatz, das klingt überhaupt nicht nach dir. Du liebst doch Herausforderungen. Du hast selbst gesagt, dass dieser Job eine einmalige Chance ist. Ich möchte nicht, dass du sie vergibst."
Was raten Sie?
Was raten Experten? Drei Fachleute beurteilen den Fall.