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Heft 5/2012: Der Jobs-Code | 24.04.2012

Fallstudie

Wann das Private bekannt werden muss

Von Tiziana Casciaro und Victoria W. Winston

3. Teil: Besonderer Wert auf Privatsphäre

Fast eine Lüge

Zurück in ihrem Büro schrieb Sugarman eine E-Mail an ihre Freundin Marissa Guallart, ob sie mittags Zeit zum Essen habe. Die beiden Frauen hatten am selben Tag bei Caston angefangen, und obwohl sie inzwischen in verschiedenen Abteilungen arbeiteten, tauschten sie oft Karrieretipps aus.

Als Guallart bei ihr anklopfte, bat Sugarman sie, hereinzukommen und die Tür hinter sich zuzumachen.

"Wenn ich es Tom jetzt nicht sage und er mir die Stelle gibt, fühlt es sich wie eine Lüge an", gab Sugarman zu bedenken.
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"Wenn ich es Tom jetzt nicht sage und er mir die Stelle gibt, fühlt es sich wie eine Lüge an", gab Sugarman zu bedenken.

© Solke Werzinger
"Auweia, du bittest mich sonst nie, die Tür zu schließen", sagte ihre Freundin und setzte sich.

Sugarman erzählte von ihrer Schwangerschaft.

"Herzlichen Glückwunsch!" Guallart stand auf und nahm ihre Freundin in die Arme. "Das ist toll!"

"Ich weiß, ich freue mich ja auch ... Aber um ehrlich zu sein: Ein Teil von mir freut sich, und ein anderer Teil hat furchtbare Angst."

"Aber Zach und du, ihr habt euch das doch immer gewünscht, oder?"

"Ja, aber das Timing stimmt nicht."

"Das stimmt nie", erwiderte Guallart. Sie und ihre Partnerin Shannon hatten selbst zwei kleine Kinder unter zwei Jahren. Beide wollten unbedingt schwanger werden, hatten es zur selben Zeit probiert und im Abstand von nur drei Monaten je ein Mädchen bekommen. "Du kannst die Stelle doch trotzdem annehmen."

Sugarman war erleichtert, dass Guallart so schnell zum eigentlichen Thema überging - das war ein Grund, warum sie so gut miteinander auskamen. "Sicher kann ich das", sagte sie. "Letzte Nacht lag ich wach und habe über alles nachgedacht. Der Job fängt nächsten Monat an. Bis zu meiner Babypause könnte ich wenigstens drei Monate lang reisen und arbeiten. Natürlich vorausgesetzt, dass alles glattgeht."

"Würdest du denn die ganzen vier Monate nehmen?", wollte Guallart wissen. Für amerikanische Verhältnisse war Caston beim Mutterschaftsurlaub großzügig.

"Das würde ich gern. Wenn ich dann wieder einsteige, wäre ich oft unterwegs, aber Zachs Arbeitszeiten sind ja flexibel. Er und das Baby könnten ab und zu mitkommen. Zach ist auf jeden Fall mit im Boot."

"Wie ich sehe, hast du dir alles ganz genau überlegt, wie immer", meinte Guallart. "Also, wo ist der Haken?"

"Ich weiß nicht, was ich Tom sagen soll."

"Sag ihm, was du mir gesagt hast. Du bist schwanger, freust dich aber auf den Job, und dann erklärst du ihm, wie du beides unter einen Hut bekommst. Was gibt es da sonst zu sagen?"

"Aber ich habe doch selbst gerade erst erfahren, dass ich schwanger bin. Ich hab's noch nicht mal meiner Schwester verraten. Ich möchte es Tom nicht erzählen."

"Du kennst mich ja, ich bin ein offenes Buch, selbst hier im Büro, aber ich kann schon nachvollziehen, dass du solche Dinge nicht einfach ausplaudern möchtest."

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Sugarman hatte immer besonderen Wert auf ihre Privatsphäre gelegt, und ihr Mann hatte sich diesen Umstand mit ihrer Herkunft von der amerikanischen Ostküste erklärt. "Warum sagst du es nicht erst der Personalabteilung und hörst dir deren Meinung an?"

"Tom arbeitet mit Quinn an dieser Sache."

"Oje, Quinn ist schwierig."

"Außerdem möchte ich es keinem anderen verraten. Meine Schwester hatte zwei Fehlgeburten. Ich möchte erst sichergehen, dass alles in Ordnung ist." Sugarman stützte ihren Kopf in die Hände. "Wenn ich es Tom jetzt nicht sage und er mir die Stelle gibt, fühlt es sich an, als hätte ich gelogen. Erzähle ich es ihm in zwei Monaten, wird er denken, dass ich es schon vorher wusste."

"O Mann, so was lernt man definitiv nicht an der Uni", meinte Guallart.


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