http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/artikel/a-816349.html
zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2012, 08:47 Uhr
Heft 3/2012: Die neue Kunst zu verkaufen

Kolumne

Unterwegs

Von Holger Rust

Es gibt viele Bücher zum Thema interkulturelle Tipps. Doch leider mangelt es an wirklich hilfreichen Hinweisen für Alltagssituationen. Das gilt vor allem für das Verhalten in Fahrstühlen, glaubt HBM-Kolumnist Holger Rust.

Ganz großes Thema: interkulturelle Kompetenz. Jeder, der in den neuen Märkten zu tun hat, muss lernen, wie man sich benimmt: beim Essen, Trinken, Reden, Begrüßen und was weiß ich noch alles. Es gibt dazu sehr professionelle Literatur. Nur leider fehlen oft die Tipps für die scheinbar nebensächlichen Kleinigkeiten des Alltags, die zudem oft noch undurchschaubar sind.

Nehmen wir - was nahe liegt - eine chinesische Großstadt. Es ist faszinierend anzusehen, wie diszipliniert es zugeht, wenn eine Menschenmenge auf Busse oder Taxen wartet. Selbst wenn keine Ordnung zu erkennen ist, spürt man doch ein verborgenes Gesetz, nach dem die Leute sich in aller Ruhe in eine Reihe stellen. Das ist für den - sagen wir Frankfurter - Manager, der den Zutritt zu öffentlichen Verkehrsmitteln von Geburt an als Survival of the Fittest erlebt, so irritierend, dass er sich immer als Letzter in der Reihe wiederfindet, egal wie lange er schon herumsteht. Und das heißt ja: Ordnung schlägt Anarchie.

In einem anderen Beförderungsmittel, bei dem der Deutsche nun ausgesprochen höflich handeln würde, ist allerdings genau das Gegenteil der Fall: beim Zutritt zu Fahrstühlen in den Hochhäusern der Metropolen. Die eben noch äußerst disziplinierte Menge drängt sich nun in den ersten sich bietenden Fahrkorb, als gebe es danach keinen mehr, auch wenn die Leuchtanzeigen der Stockwerke versprechen, dass in wenigen Sekunden der nächste kommt.

Nun ist aber dieses Zugangserlebnis nicht das, was einen wirklich irritiert, sondern die offensichtliche Überzeugung, dass sich das Ding nicht in Bewegung setzt, ohne dass jeder, der sie erreichen kann, zwei- oder dreimal auf jene Tasten drückt, mit denen sich vermeintlich die Türen schließen lassen. Vermeintlich habe ich eingeschoben, weil ich mitunter zweifle, dass diese Tasten tatsächlich aktiviert sind, anders als bei denen, mit denen sich die Türen noch einmal kurz öffnen lassen, wenn ein verspäteter Aspirant auf den Fahrstuhl mit seinem Rollkoffer von fern angefedert kommt, um die Masse drinnen zu verstärken. Dann also drückt man auf die auseinanderstrebenden Pfeile, die Tür geht auf, alle sind's zufrieden - aber natürlich nur, wenn sofort wieder jene Taste gedrückt wird, mit der sich die Tür erneut (vermeintlich?) schließen lässt.

Schon Kinder tun das. Sobald sie eine entsprechende Höhe erreicht haben, entwickeln sie diese Kompetenz. Während der Fahrt nach oben oder unten üben sie, drücken unter dem wohlwollenden Lächeln der erwachsenen Begleitpersonen ununterbrochen auf diese während des Betriebs ganz sicher funktionsunfähigen Knöpfe, auf dass sie früh lernen, was später ihre vornehmste Aufgabe als Fahrstuhlbenutzer sein wird.

Die zweite Lektion, die sie lernen, besteht darin, dass, wie immer sie es auch anstellen, grundsätzlich die ganz hinten stehen, die gerade aussteigen wollen und sich dann natürlich durch die Masse wühlen müssen. Aber das macht nichts, denn vorn drückt jemand so lange die Öffnungstaste, bis sie sich durchgewühlt haben, um danach sofort die Close-Door-Übung zu absolvieren. Es sei denn, es kommt wieder jemand, der unmöglich 30 Sekunden auf den nächsten Fahrstuhl warten kann.