HBM: Im Einzelhandel herrscht Krisenstimmung. Die Konkurrenz durch Angebote im Internet wird immer stärker. Hat sich das traditionelle Einzelhandelsmodell erledigt?
Johnson: Ganz und gar nicht. Schauen Sie sich doch einfach mal um: Viele Geschäfte machen ihre Sache noch immer ausgesprochen gut. Nehmen Sie etwa die Apple Stores, deren Jahresumsatz pro Laden bei durchschnittlich 40 Millionen US-Dollar liegt. 40 Millionen Dollar! Und das in einer Warengruppe, von der im Jahr 2000 noch alle annahmen, sie würde komplett ins Internet abwandern. Heute sind die Apple Stores die am besten laufenden Geschäfte in der Geschichte des Einzelhandels.
Reale Läden sind noch immer der Ort, an dem die meisten Waren gekauft werden, und ich bin überzeugt, dass das auch in 50 Jahren noch so sein wird.
HBM: Auch wenn die Kunden künftig noch schneller ins Internet abwandern?
Ron Bruce Johnson stieß im Januar 2000 als Senior Vice President Retail zu Apple, er war unter anderen für die Umsetzung und Entwicklung der Apple Stores verantwortlich. Unter Johnson eröffnete der Konzern weltweit 350 Filialen. Bevor Johnson 2000 zu Apple wechselte, war er 15 Jahre bei der US-Ladenkette Target für das stationäre Geschäft zuständig. Im Sommer 2011 wurde bekannt, dass Johnson nach elf Jahren bei Apple als CEO zu J. C. Penney, Amerikas drittgrößter Warenhauskette, wechselt. Diese Nachricht ließ den Aktienkurs von J. C. Penney innerhalb eines Tages um mehr als 17 Prozent steigen.
Ich bin überzeugt, dass Geschäfte mit physischer Präsenz immer der Ort bleiben werden, an dem die Hauptkundenkontakte stattfinden. Zumindest, wenn es sich um Marken und Händler handelt, die innerhalb ihres Branchenumfelds eine führende Position innehaben.
HBM: Wie gelingt es einem, Spitzenreiter einer Branche zu werden?
Johnson: Ein Laden muss viel mehr sein als ein Ort, an dem man Waren kauft. Ein Besuch dort muss eine Bereicherung für das Leben der Kunden darstellen. Wenn der Laden lediglich Produkte bereitstellt, schafft er für den Konsumenten keinen Mehrwert. Er tätigt ein Geschäft, mehr nicht. Aber das kann er im Internet tatsächlich genauso gut. Wenn es einem Händler jedoch gelingt, seine Läden so zu gestalten, dass sie den Kunden helfen - etwa dabei Kleidung zu finden, in der sie sich selbstbewusster fühlen, oder ein neues Gerät zu entdecken, das ihr Kommunikationsverhalten verändern kann -, dann liefert er einen Mehrwert, der über die simple Bereitstellung von Waren hinausgeht. Die Läden, die das schaffen - davon bin ich fest überzeugt -, werden geradezu zwangsläufig erfolgreich werden.
HBM: Das klingt alles gut und schön, aber wie findet ein traditioneller Einzelhändler heraus, wie man einen solchen Mehrwert schafft?
Johnson: Ich fürchte, dass bei den meisten Einzelhandelsketten eine komplette Generalüberholung nötig sein wird, damit sie von ihrer auf einfache Transaktionen fixierten Geisteshaltung ("Wie gelingt es uns, mehr zu verkaufen?") hin zu einem Selbstverständnis gelangen, dem Konsumenten einen Mehrwert bieten zu wollen.
Wir haben auch den Beruf des Verkäufers neu erfunden. Bevor es den Apple Store gab, sind Sie in einen Laden für Elektrotechnik gegangen, um ein Produkt zu kaufen. Das war oft eine unerfreuliche Erfahrung, da der Verkäufer nur seine Provision im Blick hatte und Ihnen so viel Geld wie möglich aus der Tasche ziehen wollte. Die Verkäufer in den Apple Stores arbeiten nicht auf Provisionsbasis, und sie versuchen nicht, Ihnen irgendetwas zu verkaufen.
Sie haben eine Aufgabe: Ihnen dabei zu helfen, genau das Produkt zu finden, das zu Ihnen passt. Selbst wenn das kein Apple-Produkt sein sollte. All das schafft einen Mehrwert, der über den Geschäftsabschluss hinausgeht.