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Heft 1/2012: Schafft die Manager ab! | 04.05.2012

Kolumne

Der Anlageguru

Von Holger Rust

Alte Weine, edle Gitarren oder Kunstwerke - der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, wenn neue Anlageformen gebraucht werden. Wenn aber das Investment eine Suppendose ist, kann das gefährlich werden, meint HBM-Kolumnist Holger Rust.

Das alte Auto aus den 50ern in der Garage ist kein Fahrzeug mehr, und der Wein im Keller nicht länger Getränk. Im Safe sind auf blauem Samt Uhren aufgebahrt, die zwar regelmäßig aufgezogen, aber nicht mehr zu Rate gezogen werden, wenn man die Zeit wissen will. Auf der alten Fender wird nicht mehr gespielt, und das expressionistische Aquarell ist lichtsicher in einem Schuber untergebracht, niemand betrachtet es mehr. Die Vinyl-LP mit den Stones, Aftermath, Emotional Rescue, Exile on Main Street, sind durch entsprechende CDs ersetzt, auch wenn Puristen unter den Besuchern darauf hinweisen, dass man den von den Rockern gewollten Klang und damit die ursächliche Freude an den damaligen Einspielungen nur auf dem originalen Tonträger nachempfinden kann. Diese Freude ist nun verlagert - es ist sozusagen eine derivative Freude, denn all diese Dinge sind für den zeitgenössischen Midas nicht mehr, was sie sind, weil alles, was er berührt, zu einer Wertanlage wird.

Nun will ich nicht verleugnen, dass die Faszination einer solchen Idee jeden erfasst, allerdings sehe ich ein Problem: Alte Weine, edle Gitarren, Bilder, antike Tonträger, Uhren und Schmuck, Gold und Oldtimer sind in solchen Massen gebunkert, dass man schon von Blasen sprechen könnte. Ich meine: Wenn es schon eigene Indizes gibt wie den DOX, den Oldtimer-Index, wird es Zeit, an weitere Diversifizierungen zu denken, um dem Markt vorauszueilen, mit originellen und raren Ideen. Da kann man von der Finanzbranche sehr viel lernen.

Manchmal hilft auch der Zufall, der mich auf die Idee brachte, nun nicht mehr Kunstwerke ins Zentrum meiner Anlagen zu stellen, zumindest nicht mehr nur. Dieser Zufall war ein versehentlicher Zahlendreher auf der Überweisung für das Werk eines befreundeten und nicht eben unbekannten Künstlers. Die Summe, die ich überwies, war, ohne dass es mir aufgefallen wäre, etwas zu niedrig. Nach einiger Zeit kam dann eine Mahnung, das heißt eigentlich eher eine freundliche Erinnerung, liebevoll mit einer Zeichnung ausgestattet. Da war sie, die Idee: Noch raffinierter als auf dem Markt der undurchschaubaren Finanzprodukte und ihrer Optionen auf Futures zeigte sich hier das Potenzial der nachgelagerten Option auf den ursächlichen Wert: die Künstler-Mahnung. Mittlerweile habe ich eine kleine Sammlung solcher provozierten Zusatzobjekte, wiewohl sich zusehends der Eindruck verdichtete, dass man mir auf die Schliche kam. Außerdem plagten mich moralische Zweifel, sodass ich nach ethischen Geldanlagen suchte. Da ich ein Exemplar von Warhols Campbell's Tomato Soup besaß, verfiel ich auf ein weiteres Derivat und erstand, als das Design der ursprünglichen Suppendosen verändert wurde, schnell noch einen Restbestand und platzierte sie dekorativ in der Küche.

Doch auch solche Werte haben nicht unbedingt Bestand. Ein Freund, dem ich die Wohnung eine Zeit lang überließ, wärmte sich die Suppen auf, um, wie er auf dem Dankeszettel treuherzig mitteilte, sich nicht an den verlockenden Schätzen aus meiner Tiefkühltruhe zu vergehen.

Manche Sachwertanlagen sollte man tatsächlich in einem sicheren Depot verwahren, wo sie keiner finden kann.

Holger Rust

© Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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