6. Teil: Experte: Jürgen Deller
Kann ein unglücklicher Ehemann das Mobilitätsprogramm von Streuvels Chemicals ins Wanken bringen? Die Frage weist darauf hin, dass es hier um mehr geht als um Ana Labato, ihren Mann Oswald und ihre Kinder. Ihr Mann ist nicht der Herkules, der ein gut aufgestelltes Unternehmen aus dem Gleichgewicht bringen kann, denn das schafft Streuvels sehr gut allein. Der Fall legt offen, dass das Expat-Management des Chemiekonzerns strategisch und operativ versagt. Aber der Reihe nach.
Anton Danois plagen vielfältige Probleme.
Zum Beispiel die 30 französischen Expats in der Warteschleife.
Streuvels schafft es nicht, eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Das totale Versagen bei der Reintegration ist eine Zeitbombe. Was für ein Armutszeugnis für ihn und seine Vorgänger! Zur Sicherstellung ihres Erfolgs muss jede Entsendung in einen Zyklus des internationalen Personalmanagements eingebettet sein. In diesem Zyk - lus gibt es Stationen vor der Entsendung - Marketing, Rekrutierung und Auswahl eines Expats. Während der Entsendung geht es um eine angemessene Betreuung. In diese Kategorie fällt Oswalds Lobatos Situation. Man wollte eine Führungskraft, betreut jetzt aber eine Familie. Und es gibt Stationen nach der Entsendung: Darunter fällt die Suche nach einer angemessenen Anschlussposition mit der optimalen Nutzung des neu erworbenen Wissens.
Hier offenbaren sich bei Streuvels große Probleme: 30 Expats in einer Warteschleife kosten nicht nur viel Geld, sie gefährden auch die Unternehmensentwicklung, weil bei allen guten Mitarbeitern zwangsläufig der Eindruck entstehen muss, dass man mit einem Auslandsaufenthalt die eigene Karriere riskiert. Danois muss hier dringend eine Lösung finden und das Management des Übergangs verbessern.
Danois ist dafür ein Musterbeispiel. Er scheitert, weil er sofort in Aktion treten möchte, anstatt zunächst zuzuhören und mit dem Ehepaar eine Lösung zu entwickeln. Empathie und Kooperation sind nicht seine Stärke. Doch das ist eine Grundvoraussetzung für diesen Job. Oswald Lobato will und muss mit ins Boot geholt werden, und nicht etwa bevormundet. Danois fehlen Grundkenntnisse für einen verantwortungsvollen Umgang mit einer solchen Situation.
Das ist nicht nur sein Problem, sondern auch das seiner Vorgesetzten.
Ana Lobato hat nun das Problem, während ihres Auslandsaufenthalts den Familienfrieden zu riskieren, weil die Zeitbomben von Streuvels bislang nicht entschärft wurden. Sie soll zusätzlich die hohen Kosten des Stand - orts Brüssel tragen. Kein Wunder, dass sie in dieser Situation sichere Rahmenbedingungen sucht, um für die Leis - tung von morgen Unterstützung zu haben: einen zufriedenen Ehemann in einer stabilen Beziehung. Lösungsräume gibt es viele, man muss sie allerdings ausloten, um eine tragfähige Entscheidung zu erreichen. Karriere oder Familienfrieden ist nicht die Lösung.
Beides ist gleichzeitig notwendig.
Jürgen Deller ist Professor, Gründer und Sprecher des Instituts für Strategisches Personalmanagement der Leuphana-Universität, Lüneburg, und Gastprofessor an der San José State University im Silicon Valley. Er forscht zu internationalem Personal- management und alternden Belegschaften.
In diesem Fallbeispiel ist ein Versagen auf mindestens drei Ebenen festzustellen, einmal das von Anton Danois als Personalmanager, dann das seiner Chefin und schließlich ein Systemversagen des gesamten Mobilitätsprogramms. Fangen wir mit Anton Danois an. Er hat den löbliche Ansatz sich viel persönlich um seine Expats zu kümmern, leider fehlen ihm dazu das notwendige Fingerspitzengefühl und ganz grundlegende interkulturelle Kompetenzen. Sein Vorschlag [...] mehr...