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Heft 1/2012: Schafft die Manager ab! | 02.01.2012

Fallstudie

Das Dilemma mit den Expats

3. Teil: Das war ein Schock

Ein anderer Schauplatz?

"Ich bin schon als junges Mädchen viel gereist", sagte Ana Lobato. "Mein Vater war Diplomat. Ich reise gern in der Welt herum. Meine Jungs kommen nach mir. Brüssel ist wunderbar für sie."

"Ja, Brüssel ist eine tolle Stadt", stimmte Danois zu. Sie saßen in seinem Lieblingscafé an einem kleinen Tisch in der Nähe der Tür. Die Leute kamen in Strömen herein und wischten sich die Graupelkörner von den Schultern.

"Aber Oswald ..." Sie schüttelte den Kopf. "Wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen. Wir sahen darin eine große Chance für mich und ihn und für die Jungs: eine internationale Schule, ein neuer Horizont. Wir wollten einfach mal etwas anderes machen."

"Aber was wird dann aus Ihrer Arbeit hier? Sie sollen doch einen dreijährigen Auslandseinsatz leisten, der anschließend auch noch verlängert werden kann."
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"Aber was wird dann aus Ihrer Arbeit hier? Sie sollen doch einen dreijährigen Auslandseinsatz leisten, der anschließend auch noch verlängert werden kann."

© Silke Werzinger
"Ich habe mir das Gehirn zermartert, um etwas Passendes für ihn zu finden", sagte Danois.

"Ich weiß, ich weiß", seufzte Lobato.

"Ich habe bei allen Unikliniken in Belgien angerufen und nach Forschungsprogrammen gefragt, für die er sich bewerben könnte. Ich habe sogar durchgesetzt, dass Streuvels sich an seinen Studiengebühren beteiligen würde, falls er hier in Belgien noch einmal Medizin studieren möchte." Er hielt ein paar Sekunden lang inne. "Spricht er davon zurückzugehen?"

"Ja - und unsere Söhne will er mitnehmen", sagte Lobato. "Das haut mich am meisten um. Er ist nur deshalb immer noch hier, weil die Jungs dagegen rebelliert haben."

"Ich hoffe, dass er nicht weggeht", sagte Danois. "Denn dann sind Sie hier ganz allein. Das ist doch kein Leben."

Doch in Wirklichkeit sah er eine ganz andere Gefahr auf sich zukommen: Wenn Oswald Lobato wegging, würde es vielleicht auch seine Frau zurück nach Brasilien ziehen. Das würde die Pläne des Unternehmens für neue PVC-Fabriken über den Haufen werfen - und das ausgerechnet jetzt, wo das Joint Venture in Nizhny allmählich anlief. Anton Danois wusste nur zu gut, dass es in Brasilien mehrere große Chemieunternehmen gab, die Ana Lobato mit offenen Armen willkommen heißen würden.

Lobato blickte in ihre Teetasse. Sie schien ihre ruhige, gelassene Fassade nur noch mit Mühe aufrechterhalten zu können. "Ich hoffe auch, dass er nicht zurückgeht", sagte sie.

Obwohl ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten, machte Lobato - in jeder Lebenslage Ingenieurin - eine kluge Bemerkung: "Das Leben des Ehepartners - das ist der größte Schwachpunkt aller Expatriate-Programme, oder?", fragte sie. "Anscheinend bauen wir immer noch auf dieses Modell, in dem ein Partner die Führungsrolle übernimmt und der andere ihm folgen muss, unabhängig vom Geschlecht. Aber viele Paare sind damit überfordert. Vielleicht ist das übliche dreijährige Auslandsengagement zu lang. Vielleicht sollten wir es auf drei Monate beschränken."

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Drei Monate kamen Danois eher wie eine Safari als wie ein Auslandseinsatz vor; aber er sprach diesen Gedanken nicht aus. "Ich glaube nicht, dass die Ehepartner das Hauptproblem sind", widersprach er. "Das ganze System hat seine Schwächen. Ich habe zurzeit 30 französische Expats, die seit 10 Jahren im Ausland arbeiten, und die hängen eigentlich nur in der Warteschleife und wollen wieder nach Frankreich zurück. Aber unser Geschäft in Frankreich ist so klein, dass es keine freien Stellen für sie gibt. Und die Mitarbeiter wieder in ihr Heimatunternehmen zu integrieren, wenn sie zurückkommen, ist auch eine knifflige Sache. Eigentlich ist das Mobilitätsprogramm nur ein teurer Nebenkriegsschauplatz."

"Es ist kein Nebenkriegsschauplatz", widersprach Lobato in scharfem Ton. "Nicht, solange das Unternehmen darauf besteht, Beförderungen von internationaler Erfahrung abhängig zu machen. Ich habe gehört, dass das bei Streuvels ein ungeschriebenes Gesetz ist: Um in eine führende Position aufzurücken, muss man Erfahrungen in mindestens zwei Ländern vorweisen können."

Danois nickte langsam. Lobato hatte recht.

"Deshalb ist Mobilität für die Mitarbeiter ungeheuer wichtig - vor allem für junge Ingenieure wie mich", sagte Lobato. Sie rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. "Könnten Sie uns den Aufenthalt hier nicht ein bisschen ... versüßen?"

"Sie meinen mit mehr Geld?", fragte Danois.

"Wenn die Bezahlung wirklich gut wäre, könnte ich Oswald vielleicht davon überzeugen, dass es sich lohnt, noch ein oder zwei Jahre durchzuhalten", meinte sie. "Es war wirklich schwierig für uns, finanziell über die Runden zu kommen. In Europa ist alles so teuer."

"Ich weiß nicht", sagte Danois. Eine größere Gehaltserhöhung musste von Maria Claes genehmigt werden, die seine Anträge auf Sonderregelungen seit ihrem letzten Gespräch immer wieder abgelehnt hatte - auch die Umsiedlung von Sergio Gamellis Mutter.

Ana Lobato spielte eine weitere Karte aus. "Vielleicht sollte ich Ihnen nicht verheimlichen, Anton, dass der Leiter der brasilianischen Zweigstelle händeringend versucht, mich zurückzuholen. Er hat mich von vornherein nicht gern gehen lassen, und jetzt, wo in unserer südamerikanischen Niederlassung etliche Mitarbeiter in den Ruhestand gegangen sind, würde er mir gern ein Großprojekt in Bolivien anvertrauen."

Das war ein Schock für Danois. Hatten Lobato und der Leiter der brasilianischen Niederlassung demnach insgeheim Absprachen miteinander getroffen? Maria Claes würde extrem verärgert sein, wenn Danois versuchen würde, Lobato vorzeitig nach Südamerika zurückzuversetzen. "Aber was wird dann aus Ihrer Arbeit hier? Sie sollen doch einen dreijährigen Auslandseinsatz leisten, der anschließend auch noch verlängert werden kann."

"Wie gesagt: Vielleicht sollten wir die Auslandsengagements verkürzen", wiederholte Lobato. "Ich habe hier schon eine ganze Menge geleistet. Das Projekt in Nizhny ist startbereit. Und ich habe in Brüssel eine Menge nützlicher Erfahrungen gesammelt, die mir helfen werden, auf der Karriereleiter weiter aufzusteigen, wenn ich wieder nach Hause komme. Und natürlich wäre auch Oswald sehr glücklich darüber, und das ist mir wichtig."

Sie blickte Danois gespannt an. "Was meinen Sie? Können Sie es einrichten, dass ich wieder in Brasilien eingesetzt werde?"

Zu den Autoren

Diesen Fall entwickelten Boris Groysberg, Professor für Business Administration an der Harvard Business School, Nitin Nohria, Dekan der Harvard Business School, und Kerry Herman, Assistant Director der Global Research Group der Harvard Business School.

Was raten Experten? Kann Anton Danois Ana Lobato in Brüssel halten? Drei Fachleute beurteilen den Fall.

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Die neuesten Beiträge:
30.01.2012 von mwhofmann: Versagen auf (fast) allen Ebenen

In diesem Fallbeispiel ist ein Versagen auf mindestens drei Ebenen festzustellen, einmal das von Anton Danois als Personalmanager, dann das seiner Chefin und schließlich ein Systemversagen des gesamten Mobilitätsprogramms. Fangen wir mit Anton Danois an. Er hat den löbliche Ansatz sich viel persönlich um seine Expats zu kümmern, leider fehlen ihm dazu das notwendige Fingerspitzengefühl und ganz grundlegende interkulturelle Kompetenzen. Sein Vorschlag [...] mehr...

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