2. Teil: Ein unlogisches System
Ein schwieriges Terrain
Das hier wäre viel eher das Richtige für mich, sagte Anton Danois. Hier fühlte er sich zu Hause. Um ihn herum standen Stahlbottiche mit pastellrosa und -grün gestrichenen Armaturen. Auf Paletten waren gelbe Plastikfässer aufgereiht, ein schwarzer Schlauch hing zusammengerollt an einem Haken, und zwei Gabelstapler fuhren zwischen Regalen mit Tausenden gleich großer Plastikrohrteile hin und her, wobei sie einander immer wieder auswichen. Danois' Schuhe quietschten auf dem makellos sauberen Boden der Fabrikhalle.
Da entdeckte er die Leiterin der Personalabteilung, Maria Claes, und winkte ihr zu. Claes wollte mit ihm sprechen und hatte nur jetzt bei ihrem Besuch in dieser Fabrik außerhalb von Brüssel Zeit dafür.
"Warum kann mein Büro nicht an so einem Ort sein?", fragte Danois nur halb im Scherz, als Claes den Laufsteg herunterkam.
"Gefällt es Ihnen denn nicht im Labyrinth?", fragte Claes. Gemeint war die Führungsetage der Firmenzentrale mit ihren Glaswänden.
"Dann sind Sie ja eigentlich selbst ein Expat", stellte Claes fest. "Ein Expat im Labyrinth."
Der Grund ihrer Besprechung wurde Anton rasch klar, als Claes einen Raum gefunden hatte, in dem sie sich ungestört unterhalten konnten. "Diese Woche ist wieder eine Ihrer Bitten um Ausnahmeregelungen auf meinem Schreibtisch gelandet", sagte Claes. Ihre Stimme klang etwas verärgert.
"Er ist die einzige Betreuungsperson ...", setzte Danois zu einer Erklärung an. Claes hob die Hand. "Ich habe Sie in die Personalabteilung geholt, damit Sie das Mobilitätsprogramm straffen und rationalisieren, sodass es für unsere Mitarbeiter plausibel und transparent ist", sagte sie. "Deshalb habe ich mir für diese Aufgabe extra jemanden wie Sie ausgesucht, der nicht aus dem Personalbereich kommt, sondern vorher als Geschäftsführer tätig war. Ich habe zu viele Klagen darüber gehört, dass das System den Leuten unlogisch vorkommt. Und jetzt bekomme ich von Ihnen lauter Anträge auf Ausnahmeregelungen." Sie machte eine kurze Pause. "Sie werden Sergio Gamelli klarmachen müssen, dass wir den Umzug seiner Mutter nach China nicht bezahlen können."
"Ich verstehe genau, warum Sie mich für diese Aufgabe ausgewählt haben und was Sie von mir erwarten und bin fest entschlossen, mein Bestes zu geben", sagte Danois. "Schließlich habe ich während meiner ganzen Karriere nichts anderes getan, als Abläufe zu straffen und zu rationalisieren. Aber Mobilität - das ist nun mal ein schwieriges Terrain."
"Inwiefern?"
"Im Gegensatz zu diesen PVC-Rohren da drüben ist jeder Expat oder potenzielle Expat ein einmaliges Individuum", erklärte Danois. "Wenn man da an Regeln festhält, die Geld einsparen sollen, wird am Ende womöglich alles nur noch teurer. Wenn Sergio Gamelli seine Mutter allein in Italien zurücklässt, wird er zerstreut und unproduktiv sein; und die Reisen nach Mailand gehen von seiner Arbeitszeit ab. Dafür ist unsere Arbeit in China zu wichtig."
"Sie schlagen also allen Ernstes vor, dass wir für jeden Expatriate andere Spielregeln aufstellen sollen?" Claes zog die Augenbrauen hoch. "Ich sehe darin keine Rationalisierung".
Als hochdekorierter Veteran eines Unternehmens, das seine Topmanager schätzte und schon seit Menschengedenken niemanden mehr entlassen hatte, glaubte Danois kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. "Man kann nur Dinge rationalisieren, die eine rationale Basis haben", sagte er. "Als typischer Geschäftsführer bin ich der Sache auf den Grund gegangen und auf folgende Frage gestoßen: Wozu gibt es dieses Programm überhaupt? Was bringt uns diese Investition? Soweit ich feststellen kann, erfüllt Mobilität keinen eindeutigen Zweck, und die Regeln des Return on Investment scheinen für Mobilitätsprogramme auch nicht zu gelten. Habe ich recht?"

Maria Claes zuckte mit den Achseln. "Mit dem Return on Investment haben Sie vielleicht recht", antwortete sie. "Aber Mobilität hat eindeutig einen Zweck. Sogar mehrere. Zum Beispiel können wir auf diese Weise neue Mitarbeiter rekrutieren und alte in unserem Unternehmen halten."
"Zugegeben", sagte Danois. "Aber viele Firmen in unserem Sektor schränken ihre Mobilitätsprogramme zurzeit ein. In gewisser Weise ist Mobilität nämlich ein teurer Rückschritt in den Unternehmenskolonialismus. Warum sollen wir Leute aus Europa losschicken, um unsere Fabriken in Südostafrika zu leiten, obwohl die einheimischen Arbeitskräfte das genauso gut können?"
"Unternehmenskolonialismus?", fragte Claes und verzog das Gesicht.
"Das System kommt den Leuten unlogisch vor", sagte Danois, "weil es unlogisch ist."
In diesem Fallbeispiel ist ein Versagen auf mindestens drei Ebenen festzustellen, einmal das von Anton Danois als Personalmanager, dann das seiner Chefin und schließlich ein Systemversagen des gesamten Mobilitätsprogramms. Fangen wir mit Anton Danois an. Er hat den löbliche Ansatz sich viel persönlich um seine Expats zu kümmern, leider fehlen ihm dazu das notwendige Fingerspitzengefühl und ganz grundlegende interkulturelle Kompetenzen. Sein Vorschlag [...] mehr...