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Heft 12/2011: Faktor Talent | 10.04.2012

Kolumne

Keine Angst vor Mathe

Von Holger Rust

Weniger Mathe, mehr Soft-Skills. An den Hochschulen verschieben sich die Akzente in der Ausbildung von Führungskräften. Doch das ist der falsche Weg, findet HBM-Kolumnist Holger Rust.

Im sogenannten "Krieg um Talente" verlagern sich zusehends die Schwerpunkte. Immer deutlicher rücken "Soft Skills" in den Fokus der Aufmerksamkeit: soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Frustrationstoleranz und dergleichen mehr. Sogar als Studieninhalte sind diese neuen Qualitäten künftiger Führungspersönlichkeiten nun etabliert: Bis zu 20 Prozent der "Credit Points" im Bachelor und Master sind der Übung solcher Virtuositäten gewidmet.

Mit dieser Akzentverschiebung soll die übermächtige mathematische und kennzahlorientierte Ausrichtung der wirtschaftswissenschaftlichen Bildung und der späteren wirtschaftlichen Tätigkeit gemildert werden. Leider steht zu befürchten, dass ein wichtiger Aspekt dabei aus dem Blick gerät: Denn das Problem ist nicht die Dominanz der Mathematik, sondern eine falsche Mathematik - die sich in vordergründigen Modellen des Marktverhaltens, auf Ertragserwartungen ausgerichteten Tabellen des Return on Investment oder in Formeln über die Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmter Risiken bei Aktienoptionen erschöpft.

Diese Formeln zum Beispiel, in denen steht, dass ein Risiko nur alle 1000 Jahre einträte. Das klingt ja sehr beruhigend. Aber wann genau? Um nur das Jahr zu bestimmen, müssten mindestens zwölf Tausendjahrsequenzen unter gleichen Bedingungen überprüft werden - eine aus einsichtigen Gründen nicht ganz einfache Operation. Aber es geht auch anders: Wenn man sich einfach mal der Mühe aussetzt zu berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Risiko von 0,1 Prozent (was ja einem 1000-Jahr-Zeitraum entspricht) 2012 eintreten könnte, zeigt sich mit 100-prozentiger Sicherheit eines: Die Zahl sagt überhaupt nichts aus. Ein Ergebnis ist höchst unwahrscheinlich - oder präziser: Das ist das Ergebnis.

Ein anderes Beispiel: Versicherungsmathematiker berechnen die Notwendigkeit privater Vorsorge bei stetig steigendem Sterbealter. Ganz viele junge Leute, die auf eine Lebenserwartung von 120 Jahren hoffen, nehmen die Mahnung ernst und legen sehr früh sagen wir 2400 Euro pro Jahr in sicheren Investitionen zu 2 bis 2,5 Prozent an, verzichten auf Zinsauszahlungen, um dann so um die 105, wenn sie ein bissl hinfällig werden, die Erträge einzustreichen.

Wirklich toll.

Aber weiß jemand, wie viel das dann sein wird? Mit Zins und Zinseszins? Und wie die Finanzdienstleister das erwirtschaften sollen?

Noch ein positives Beispiel, mitten aus dem Leben: Brasiliens Sozialpolitiker rechneten nach, wie viele der immer jüngeren Witwen immer älterer und durch die blaue Pille immer länger zeugungsfreudiger Herren nach deren Tod mit ihren Kindern Anrecht auf eine Hinterbliebenenrente besäßen - vor allem, wie lange. Die Zahl jagte ihnen eiskalte Schauer über den Rücken. Denn im Unterschied zum Sozialversicherungssystem, das von einer Überlebenszeit der Witwen von 15 Jahren ausging, nähert sie sich unausweichlich der doppelten Spanne. Nun hat man reagiert.

Die Beispiele zeigen eines sehr eindringlich: Zentraler "Soft Skill" für die Zukunft ist nicht der Ersatz der Mathematik, sondern die Fähigkeit, richtige Fragen für ihre virtuose Anwendung zu finden.

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Holger Rust

© Felix Scheinberger
Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

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