Von Katherine Xin und Wang Haijie
Der Raum war schon gut gefüllt, als Liu Peijin ihn betrat. Sein Flug von Shanghai nach Dalian war verspätet gewesen, und er hatte schon befürchtet, die Schulung zu verpassen. Doch zum Glück hatte er es noch rechtzeitig geschafft. Liu wusste, dass seine Anwesenheit wichtig war. Denn als President von Almond China wollte er den Kollegen in Dalian zeigen, welche Bedeutung er selbst dem Thema des heutigen Tages beimaß: ethischen Geschäftspraktiken.
Liu nahm Platz und nickte dem Personalchef zu, der die Schulung leitete. Die zwei kannten sich schon lange: Beide arbeiteten seit 1999 für Almond Chemical, die deutsche Muttergesellschaft, die damals ihre Präsenz in China aufbaute. Mittlerweile hatte Almond dort zwei Joint Ventures mit lokalen Partnern gegründet - nur über diesen Umweg durften ausländische Unternehmen in der chinesischen Chemiebranche agieren. An der einen Gesellschaft hielt Almond 70 Prozent. Bei der zweiten handelte es sich um ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Dalian No. 2 Chemical Company. Almond gehörten hier nur 51 Prozent.
"Ethische Fragen sind bei Almond nicht verhandelbar", begann er dann, "wir müssen bei unserer Arbeit die Gesetze beachten. Wir sind nicht nur ein chinesisches Unternehmen, wir sind ein globales."
Zwischen solchen Praktiken und Gesetzesverstößen lag aber nur ein schmaler Grat. Almond hatte seinen Hauptsitz in München, und die Aktien des Unternehmens waren sowohl an der New Yorker als auch an der Frankfurter Börse notiert. Es musste sich deshalb an den Foreign Corrupt Practices Act der US-Regierung halten, der eine Bestechung ausländischer Regierungsvertreter durch in den USA notierte Unternehmen explizit verbietet.
Liu behielt Wang im Auge, während der Personalchef die Ethikregeln von Almond und die rechtlichen Folgen von Bestechung erläuterte. Er wusste, dass diese Regeln die Arbeit im Vertrieb erschwerten. Aber die Richtlinien des Unternehmens waren eindeutig, und er wollte sicherstellen, dass jedes Mitglied des Vertriebsteams sie verstanden hatte.
Schon beim Thema Sicherheit und Umwelt hatte Liu eine ähnlich harte Linie verfolgt. Die Produktionsanlagen in Dalian waren nach deutschen Standards errichtet worden, und die gesamte Sicherheitsausrüstung - Helme, Schuhe und Schutzkleidung - wurde in Europa bestellt. Die chinesischen Partner hatten diese Investitionen als "verschwenderisch" und "leichtsinnig" kritisiert. "Luxusausgaben", die sich das junge Unternehmen weder leisten könne noch solle. Doch mit Rückendeckung aus München war Liu hart geblieben.
Die Schulung neigte sich dem Ende zu, und der Personalchef gab Liu zu verstehen, dass er jetzt sprechen konnte. Liu blickte die Dalian-Kollegen an und zögerte. "Ethische Fragen sind bei Almond nicht verhandelbar", begann er dann, "wir müssen bei unserer Arbeit die Gesetze beachten. Wir sind nicht nur ein chinesisches Unternehmen, wir sind ein globales." Ernste, ausdruckslose Gesichter starrten ihn an.
Als er den Raum verließ, hatte er den Eindruck, dass sein Appell auf taube Ohren gestoßen war.