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Heft 11/2011: Strategien für eine komplexe Welt | 25.10.2011

Fallstudie

Ist das Bestechung?

Von Katherine Xin und Wang Haijie

In einem deutsch-chinesischen Joint Venture geraten Vertreter beider Seiten hart aneinander: Sollen bei der Unternehmensethik und den Sicherheitsstandards westliche Maßstäbe angelegt werden, oder genügen die lockeren Regeln des Gastlandes?

Der Raum war schon gut gefüllt, als Liu Peijin ihn betrat. Sein Flug von Shanghai nach Dalian war verspätet gewesen, und er hatte schon befürchtet, die Schulung zu verpassen. Doch zum Glück hatte er es noch rechtzeitig geschafft. Liu wusste, dass seine Anwesenheit wichtig war. Denn als President von Almond China wollte er den Kollegen in Dalian zeigen, welche Bedeutung er selbst dem Thema des heutigen Tages beimaß: ethischen Geschäftspraktiken.

Liu nahm Platz und nickte dem Personalchef zu, der die Schulung leitete. Die zwei kannten sich schon lange: Beide arbeiteten seit 1999 für Almond Chemical, die deutsche Muttergesellschaft, die damals ihre Präsenz in China aufbaute. Mittlerweile hatte Almond dort zwei Joint Ventures mit lokalen Partnern gegründet - nur über diesen Umweg durften ausländische Unternehmen in der chinesischen Chemiebranche agieren. An der einen Gesellschaft hielt Almond 70 Prozent. Bei der zweiten handelte es sich um ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Dalian No. 2 Chemical Company. Almond gehörten hier nur 51 Prozent.

"Ethische Fragen sind bei Almond nicht verhandelbar", begann er dann, "wir müssen bei unserer Arbeit die Gesetze beachten. Wir sind nicht nur ein chinesisches Unternehmen, wir sind ein globales."

"Ethische Fragen sind bei Almond nicht verhandelbar", begann er dann, "wir müssen bei unserer Arbeit die Gesetze beachten. Wir sind nicht nur ein chinesisches Unternehmen, wir sind ein globales."

© Maren Amini
Liu saß neben Wang Zhibao, dem für den Vertrieb zuständigen Vice President des Joint Ventures in Dalian. Wang blickte skeptisch drein. Er war gut in seinem Job und hatte mehrere entscheidende Geschäfte abgeschlossen, die am Anfang sehr geholfen hatten. Zugleich aber bildete er das Zentrum eines Konflikts zwischen den Venture-Partnern: Die Dalian-Manager beschwerten sich immer lauter darüber, wie schwer es sei, nach europäischen Standards zu arbeiten. Konkret ging es um das Verbot von Geschenken und Kommissionen. Derlei Anreize waren in China allgemein akzeptiert und wurden von Almonds Konkurrenten regelmäßig eingesetzt. Ohne sie auszukommen, so argumentierte Wang, sei unvernünftig. "Wir sind hier in China, nicht in Europa", lautete sein Mantra.

Zwischen solchen Praktiken und Gesetzesverstößen lag aber nur ein schmaler Grat. Almond hatte seinen Hauptsitz in München, und die Aktien des Unternehmens waren sowohl an der New Yorker als auch an der Frankfurter Börse notiert. Es musste sich deshalb an den Foreign Corrupt Practices Act der US-Regierung halten, der eine Bestechung ausländischer Regierungsvertreter durch in den USA notierte Unternehmen explizit verbietet.

Liu behielt Wang im Auge, während der Personalchef die Ethikregeln von Almond und die rechtlichen Folgen von Bestechung erläuterte. Er wusste, dass diese Regeln die Arbeit im Vertrieb erschwerten. Aber die Richtlinien des Unternehmens waren eindeutig, und er wollte sicherstellen, dass jedes Mitglied des Vertriebsteams sie verstanden hatte.

Schon beim Thema Sicherheit und Umwelt hatte Liu eine ähnlich harte Linie verfolgt. Die Produktionsanlagen in Dalian waren nach deutschen Standards errichtet worden, und die gesamte Sicherheitsausrüstung - Helme, Schuhe und Schutzkleidung - wurde in Europa bestellt. Die chinesischen Partner hatten diese Investitionen als "verschwenderisch" und "leichtsinnig" kritisiert. "Luxusausgaben", die sich das junge Unternehmen weder leisten könne noch solle. Doch mit Rückendeckung aus München war Liu hart geblieben.

Auch beharrte er darauf, dass bei der Produktion anfallendes Paraxylol (ein Polyester-Vorprodukt) gemäß den europäischen Standards als gesundheitsgefährdender Stoff eingestuft wurde, obwohl chinesische Gesetze das nicht verlangten. Seine Partner waren erschrocken angesichts der Millionen Yuan, die das kostete. Aber Liu weigerte sich nachzugeben, denn er hatte vor einigen Jahren selbst erlebt, welche Folgen laxe Vorgaben haben konnten: In seiner Zeit bei einem anderen chinesischen Chemieunternehmen war es in der Chlor-Alkali-Fabrik eines Partners zu einer Explosion gekommen. Dabei waren 200 Personen verletzt worden, und die Produktion hatte mehr als einen Monat lang ruhen müssen.

Die Schulung neigte sich dem Ende zu, und der Personalchef gab Liu zu verstehen, dass er jetzt sprechen konnte. Liu blickte die Dalian-Kollegen an und zögerte. "Ethische Fragen sind bei Almond nicht verhandelbar", begann er dann, "wir müssen bei unserer Arbeit die Gesetze beachten. Wir sind nicht nur ein chinesisches Unternehmen, wir sind ein globales." Ernste, ausdruckslose Gesichter starrten ihn an.

Als er den Raum verließ, hatte er den Eindruck, dass sein Appell auf taube Ohren gestoßen war.


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