Ein Leben ohne Mops?

Kolumne:

Von Holger Rust
Heft 9/2011

Nun wird ein großer Teil der Leserschaft dieser Kolumne aufstöhnen, den Blick zum Himmel richten und händeringend klagen: Nicht schon wieder! Nicht schon wieder eine Kolumne über Work-Life-Balance! Ich werde diese - wenn auch vordergründig verständliche - Klage eiskalt ignorieren. Wir müssen noch einmal an das Thema ran. Denn wir haben etwas Wichtiges vergessen in all den Jahren, in denen wir über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Betriebskindergärten und gleitende Arbeitszeiten, Bügelservice im Betrieb und Sabbaticals debattierten. Und was, bitte, bei geschätzten hunderttausend Artikeln in den letzten Jahren? Ganz einfach, wir haben eine zeitgeistige Tendenz, einen mächtigen Trend übersehen: Wir haben die Hunde ignoriert.

Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.
Felix Scheinberger

Holger Rust ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen.

Wie diese Mode, wenn ich es so nennen soll, über uns kam, weiß niemand so genau. Während die Statistiken uns noch weismachen, es gebe immer mehr kinderlose Zweierbeziehungen von Doppelverdienern, und die Werbung den schmissigen Anglizismus Dinks dafür erdachte, hat sich still eine selbstverständliche und die Gesellschaft der jungen Talente prägende Dreierbeziehung etabliert, für die noch kein Name besteht, die aber drängend nach einer Lösung ruft: High-Potential-Paare mit Hund. Und diese Hunde, vorzugsweise herzige Abkömmlinge origineller Querverbindungen von zum Beispiel Labrador und Pudel, haben nur einen Daseinszweck: dabei zu sein. Daraus nun ergibt sich das Problem: Theorie und Praxis der sogenannten Work-Life-Balance auf diese Realität abzustimmen und dafür zu sorgen, dass sie dabei sein können, wenn Herrchen und Frauchen arbeiten.

Und tatsächlich: Befreundete Personalmanager berichten, dass sie sich zunehmend interessanten, gut ausgebildeten, ebenso leistungsfähigen wie leistungswilligen, zudem sozial kompetenten und überaus sympathischen jungen Leuten gegenübersehen, denen sie gern einen Vertrag anbieten würden. Doch merken sie, dass noch irgendwo im Hintergrund ein ungelöstes Problem lastet. Darauf angesprochen, zögern die Kandidatinnen und Kandidaten zunächst, rücken dann aber mit der Frage heraus, ob es denn möglich sei, gelegentlich einmal den ... Hund mit ins Büro zu bringen?

Einer der fortschrittlicheren Geister dieser Branche ist nun dazu übergegangen, das Angebot ohne vorherige Nachfrage in den "Letter of Intent" zu integrieren und eine entsprechende Passage einzufügen: "Selbstverständlich ist es möglich, falls Sie einen Hund besitzen, ihn mit ins Büro zu bringen." Was besonders überzeugend klingt, wenn bereits Hunde in der Abteilung häuslich sind. Ja, sagte mir einer meiner Gewährsleute, er achte darauf, dass während der Gespräche mit Wunschkandidaten tatsächlich das eine oder andere Exemplar zwischen zwei Büros kreuze, auch einmal treuherzig durch die Glastür äuge und somit die Authentizität des Angebots dokumentiere. Er plane, in absehbarer Zeit eine "Huta" einzurichten, in der es professionelle Betreuung für die vierbeinigen Familienmitglieder gebe, anspruchsvolle Lernprogramme, Event-Gassigänge, biologisches Futter und dergleichen. "Wenn unsere Mitarbeiter dann eines Tages Kinder haben, erweitern wir das Ganze zu einer gemischten Tagesstätte."

Artikel
© Harvard Business Manager 9/2011
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