Von Andreas Krause
Ratlos kehrte Lothar Sellmann zurück an seinen Schreibtisch. Keine Frage, das Gespräch mit Christoph Matthes war sehr informativ und anregend gewesen. Der Teamleiter Einkauf kannte das Unternehmen wie kaum ein anderer, und es war ihm durch seine ruhige und sachliche Art sofort gelungen, Sellmann für sich einzunehmen. Dabei war die Sache eigentlich schon so gut wie entschieden gewesen: Die Bewerbungsfrist für die neu zu besetzende Stelle des Einkaufsleiters war schon verstrichen, noch dazu hatte Sellmann bereits eine aussichtsreiche Kandidatin im Visier. Das Gespräch mit Matthes hatte er eigentlich nur aus Höflichkeit geführt und weil er dem Kollegen das Gefühl geben wollte, ernst genommen zu werden. Draußen regnete es inzwischen heftiger, im siebten Stock des Bürogebäudes brannte nur noch in wenigen Zimmern Licht.
Sollte Sellmann sich für die externe Kandidatin oder den internen Bewerber entscheiden?
Umso mehr fühlte sich Sellmann unter Druck, ein kompetentes Team aufzubauen. Natürlich hatte er die freie Stelle zunächst intern ausschreiben lassen, doch als sich innerhalb der zweiwöchigen Frist kein Mitarbeiter beworben hatte, hatte Sellmann begonnen, sich extern nach einem geeigneten Kandidaten umzuhören. Ein Geschäftspartner hatte Sellmann Birgit Albrecht empfohlen, Entwicklungsleiterin in einem Unternehmen, das IT-Komponenten vertreibt. Albrecht hatte Lust auf eine Veränderung und war der Einladung zu einem Gespräch gern nachgekommen. Mehr als drei Stunden hatte Sellmann mit ihr zusammengesessen - vor allem Albrechts hervorragende Marktkenntnisse hatten ihn beeindruckt, sie war offensichtlich sehr gut auf das Gespräch vorbereitet. Einziger Knackpunkt war Albrechts Vergütungsvorstellung, ihr Wunschgehalt lag etwas über dem des bisherigen Einkaufsleiters. Andererseits hatte sie in der Branche einen Namen und viel Erfahrung vorzuweisen.
Just in dem Moment, als Sellmann entschlossen war, sie dem Aufsichtsrat als Kandidatin für die freie Stelle zu empfehlen, hatte Christoph Matthes ihn nach einem gemeinsamen Workshop angesprochen: Mit den Worten, dass er mit sich gerungen habe, seinen Namen bei der Besetzung der neuen Stelle aber nun doch noch ins Spiel bringen wolle, hatte er ihm einen Umschlag mit seinen Bewerbungsunterlagen in die Hand gedrückt. Eigentlich hatte Sellmann nur einen kurzen Blick darauf werfen wollen, auch um die Absage persönlich gestalten zu können, schließlich wollte er den Kollegen nicht vor den Kopf stoßen. Doch dann hatte er immer aufmerksamer gelesen.
Die Qual der Wahl
Christoph Matthes hatte vor zehn Jahren als Industriekaufmann bei Homemedia angefangen. Sein Aufgabenbereich war jedes Jahr größer geworden, vor vier Jahren war er zum Teamleiter Einkauf aufgestiegen. Er hatte das Unternehmen in den unterschiedlichsten Lagen kennengelernt und auch verschiedene Umbrüche miterlebt, etwa den vom Familienunternehmen zur AG. Matthes kannte die damals vorherrschende Skepsis der Kollegen und hatte auch den Wandel der Unternehmenskultur mitgetragen. Er hatte die Folgen des rasanten Wachstums Ende der 90er miterlebt und wusste um das interne Gerede, die aktuelle Schieflage hätte auch etwas mit der gescheiterten Marketingstrategie zu tun.
Keine Frage, auch Matthes war ein guter Kandidat. Sellmann seufzte und schaute aus dem Fenster: Hätte sich Matthes nicht mehr beworben, wäre die Sache für ihn inzwischen erledigt, doch so musste er jetzt die beiden Kandidaten gegeneinander abwägen - und noch dazu darüber nachdenken, welche Signalwirkung von einer möglichen Absage an den einen oder den anderen ausgehen würde.
Sellmann und Sandmüller waren sich einig, dass mit der Neubesetzung der Position zugleich die Strategie des Einkaufs weiterentwickelt werden sollte. Im Idealfall sollten durch bessere Verhandlungen und neue Beschaffungsstrategien die Material- und Dienstleistungskosten in den kommenden zwei Jahren um bis zu 15 Prozent gesenkt werden. Ist das eher eine Aufgabe für den erfahrenen Einkaufskollegen oder für die führungserfahrene Albrecht? Sellmann wusste nicht mehr weiter und entschloss sich, eine Nacht darüber zu schlafen, um erst am folgenden Tag seine Empfehlung für die Personalentscheidung vorzubereiten.
Der Fallstudie fehlen wesentliche Informationen, um die Frage kompetent zu entscheiden. So zum Beispiel ob die 70%ige Unzufriedenheit der Mitarbeiter sich bereits in einer höheren Fluktuation bemerkbar macht und ob diese positiv (neue, bessere Mitarbeiter sind womöglich billiger) oder negativ (hohe Einarbeitungskosten, Know-How-Verlust) ist/wäre. Ebenfalls unbekannt ist, wie wichtig die persönlichen Kontakte zu den Lieferanten sind und ob Herr Matthes [...] mehr...
Natürlich sollte man guten Leuten aus dem eigenen Unternehmen eine Chance geben. Hier sprechen aber auch einige Punkte gegen den internen Kandidaten: Seine derzeitige Führungskraft traut ihm diese Führungsposition nicht zu. Matthes wird als Mitarbeiter beschrieben, dem Konsens sehr wichtig ist. Unter Umständen hat er nicht genügend Biss, auch schwierige Entscheidungen durchzusetzen. Matthes hat selbst sehr lange mit seiner Bewerbung gewartet, [...] mehr...
... der bessere Bewerber ist der interne. Für ihn sprechen mehrere Faktoren: - Signal an die Mannschaft - gutes Gefühl bei der Einstellung - er ist günstiger Der wichtigste Grund: Guten eigenen Leuten sollte man immer eine Chance geben, bevor man externe holt. mehr...